Wer hat in der WG eigentlich mit dem Geschirrberg angefangen? Du sagst, dein Mitbewohner hat zuerst nicht mehr gespült. Er sagt, er spült nicht mehr, weil du es auch nicht tust. Beide haben irgendwie recht – und genau darum geht es in diesem Teil der Serie. In Gruppen gibt es selten eine klare Ursache und eine klare Wirkung. Meistens beeinflussen sich alle gegenseitig.
Vom Einbahnstraßen-Denken zur Wechselwirkung
Die ältere Forschung zum Verhalten in Gruppen dachte in einer einseitigen Beziehung von Ursache und Wirkung: Einer beeinflusst, der andere wird beeinflusst. Erklärt wurde das mit einem angeborenen Nachahmungstrieb oder einer bestimmten Veranlagung. Der französische Soziologe Gabriel Tarde etwa sah um 1890 in der Nachahmung geradezu das Grundgesetz des gesellschaftlichen Lebens.
Heutige Sozialpsychologen halten dagegen nach Wechselwirkungen Ausschau. Ein Beispiel dafür ist der vorherige Teil über die Wirkung des Nebeneinanders: Ob jemand in Gesellschaft besser oder schlechter arbeitet, liegt nicht einfach an der Anwesenheit der anderen. Es hängt auch davon ab, welche Anforderungen die Person an ihre eigene Leistung stellt, wie schwer die Aufgabe ist und wie sie die Situation erlebt. Die Situation wirkt also erst über den Menschen, der sie deutet.
Verhalten hat immer zwei Seiten
Kurt Lewin, der Begründer der Gruppendynamik, hat das in einer Formel zusammengefasst: V = f(P, U). Verhalten ist eine Funktion von Person und Umwelt. Keine der beiden Seiten erklärt allein, was jemand tut.
Nachahmen mit Hintergedanken
Nachahmung ist dabei längst nicht immer harmlos oder unbewusst. Sie kann ganz unterschiedlichen Absichten dienen:
- Kinder können sich gegenseitig durch beharrliches Nachäffen bis zum Wutausbruch reizen. Wer Geschwister hat, kennt das: „Hör auf, mich nachzumachen!“ – „Hör auf, mich nachzumachen!“
- Erwachsene können die Autorität eines unbeliebten Vorgesetzten ad absurdum führen, indem sie seine Anweisungen bedingungslos und buchstabengetreu befolgen. Im Arbeitsleben heißt das „Dienst nach Vorschrift“, und es kann einen Betrieb erstaunlich effektiv lahmlegen.
In beiden Fällen sieht das Verhalten nach Anpassung aus, ist aber in Wirklichkeit eine Form von Widerstand.
Auch der Beeinflusser wird beeinflusst
Dass man sich beeinflussen lässt, spielt heute eine größere Rolle, als es die alten Modelle vorsahen. Inzwischen ist auch gut beschrieben, wie die Beeinflussten ihrerseits Einfluss auf den Beeinflusser gewinnen.
Das siehst du in jeder Schulklasse: Die Lehrerin prägt die Stimmung in der Klasse, aber die Klasse prägt genauso die Stimmung der Lehrerin. Eine Trainerin, deren Mannschaft nicht mitzieht, wird mit der Zeit anders auftreten als eine, deren Team begeistert ist. Und eine Chefin ist nur so lange Chefin, wie ihr Team ihr folgt.
Die Kommunikationsforscher um Paul Watzlawick haben für solche Kreisläufe ein schönes Beispiel beschrieben: Ein Paar streitet, weil sie nörgelt und er sich zurückzieht. Er sagt, er ziehe sich zurück, weil sie nörgelt. Sie sagt, sie nörgle, weil er sich zurückzieht. Jeder setzt den Anfang der Geschichte an einer anderen Stelle. In Wahrheit ist es ein Kreis ohne Anfang – genau wie der Geschirrberg in der WG.
Man kann nicht nichts tun
Der britische Psychoanalytiker Wilfred Bion beobachtete in den 1940er-Jahren Therapiegruppen und kam zu dem Schluss, dass sich niemand aus dem Geschehen in einer Gruppe heraushalten kann. Auch wer schweigt und sich zurückhält, trägt zur Entwicklung der Situation bei. Zugespitzt heißt das: Die Mitglieder einer Gruppe können eigentlich nur eines nicht – nichts tun.
Ein Gedanke, der eng damit verwandt ist, wurde später als erstes Axiom von Watzlawick berühmt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Wer im Meeting auf sein Handy starrt, sagt damit genauso etwas wie jemand, der laut widerspricht.
Schuldig durch Nichtstun
Daraus folgt eine unbequeme Einsicht: Man kann in einer Gruppe auch durch Nichtstun schuldig werden. Wenn im Klassenchat jemand fertiggemacht wird und alle mitlesen, aber niemand etwas sagt, tragen die Schweigenden zur Situation bei. Das Schweigen wirkt wie Zustimmung.
Die Sozialpsychologie kennt dazu den Zuschauereffekt, den John Darley und Bibb Latané Ende der 1960er-Jahre untersucht haben: Je mehr Menschen eine Notlage mitbekommen, desto eher verlässt sich jeder darauf, dass ein anderer hilft. Die Verantwortung verteilt sich auf alle – und am Ende fühlt sich keiner zuständig.
Ganz so düster ist das Bild allerdings nicht. Spätere Auswertungen vieler Studien deuten darauf hin, dass der Effekt in eindeutig gefährlichen Situationen schwächer ausfällt. Und Untersuchungen mit Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, dass bei Streit im öffentlichen Raum in den allermeisten Fällen doch jemand eingreift. Die Verantwortungsverteilung ist also real, aber kein Naturgesetz.
Im Notfall eine Person direkt ansprechen
Wenn du Hilfe brauchst oder selbst Hilfe organisieren willst, sprich nicht „alle“ an, sondern eine bestimmte Person: „Du mit der grünen Jacke, ruf bitte die 112!“ Damit durchbrichst du die Verantwortungsverteilung, und aus dem Zuschauer wird ein Helfer.
Was du daraus mitnehmen kannst
- Frag nicht nur nach dem Schuldigen. In Gruppenkonflikten ist es oft hilfreicher zu fragen, welcher Kreislauf gerade läuft und wie man ihn unterbrechen kann.
- Dein Verhalten wirkt immer. Auch Zurückhaltung ist ein Beitrag zur Gruppe. Überleg dir, welchen du leisten willst.
- Frag nach dem Anfang der Geschichte. Wenn du wissen willst, wie dein Gegenüber einen Konflikt sieht, frag, wo für ihn alles angefangen hat. Die Antwort ist oft eine ganz andere als deine.
- Du kannst den Kreis durchbrechen. Wer im WG-Streit einfach mal den Abwasch macht, ohne aufzurechnen, ändert oft mehr als jede Diskussion über den Putzplan.
Wie stark der Druck in einer Gruppe auf den Einzelnen wirkt, zeigen die Experimente im Teil Handeln und Verhalten einer Gruppe. Und wie sich aus diesen Wechselwirkungen eine gemeinsame Meinung bildet, beschreibt die Vereinheitlichung der Meinung.
Mein Fazit
Der Abschied vom einfachen Ursache-Wirkungs-Denken ist für mich eine der wichtigsten Einsichten der Gruppendynamik. Wer verstanden hat, dass in Gruppen alle einander beeinflussen, sucht weniger nach Schuldigen und mehr nach Lösungen. Und der Gedanke, dass auch Nichtstun etwas bewirkt, ist unbequem, aber verdammt wichtig.