Setz zehn Leute für ein Wochenende zusammen, und spätestens am Sonntag gibt es eine Ordnung, die keiner beschlossen hat: Einer gibt den Ton an, zwei hören auf ihn, eine hält sich raus, und einer macht grundsätzlich alles anders. Diese unsichtbare Ordnung nennt man die Struktur einer Gruppe. In diesem Teil der Serie schauen wir uns an, woraus sie besteht und warum sie so viel über eine Gruppe verrät.
Worauf das Zusammenleben in einer Gruppe beruht
Das soziale Zusammenleben in einer Gruppe ist von einigen Grundzügen geprägt:
- Eigen- und Zusammenhandeln: Jeder handelt für sich, aber auch mit den anderen zusammen.
- gemeinsame Werte und Interessen, die die Leute verbinden
- wechselseitige Wahrnehmung: Man nimmt sich gegenseitig wahr und reagiert aufeinander.
- Anwesenheit und direkte Interaktion
Diese Merkmale treten schon bei Gruppen auf, die sich nur kurz zusammenfinden, etwa bei einem Workshop oder einer Projektwoche. Sie bilden die Basis für die sozialen Prozesse in der Gruppe, die man auch Gruppenprozesse nennt. Aus dem Zusammenspiel der Einzelnen ergibt sich dann die Gruppendynamik.
Woraus besteht die Struktur einer Gruppe?
Wer die Struktur einer Gruppe untersucht, schaut zuerst auf die verschiedenen Rollen und Positionen und darauf, wie wichtige Ressourcen verteilt sind: Macht, Kompetenz, Autorität, Beliebtheit, Wissen. Genauso aufschlussreich ist, wer sich unterordnet oder anpasst. Aus diesen Verhaltensweisen ergibt sich eine Hierarchie oder eine andere typische Struktur.
Grob kannst du mehrere Ebenen unterscheiden, die sich überlagern:
| Ebene | Leitfrage | Beispiel Schulklasse |
|---|---|---|
| Machtstruktur | Wer setzt sich durch? | wer bestimmt, wohin der Ausflug geht |
| Rollenstruktur | Wer übernimmt welche Funktion? | Klassensprecherin, Klassenclown, Streber |
| Kommunikationsstruktur | Wer redet mit wem? | wer im Klassenchat den Ton angibt |
| Beliebtheitsstruktur | Wer mag wen? | Cliquen, Freundschaften, Außenseiter |
Spannend wird es, wenn diese Ebenen auseinanderfallen. Die offiziell gewählte Klassensprecherin muss nicht diejenige sein, auf die alle hören. Und der Abteilungsleiter ist nicht automatisch der, den das Team bei Problemen zuerst fragt. Welche typischen Rollen sich dabei herausbilden, beschreibt der Teil über Rollen innerhalb einer Gruppe.
Auch die Kommunikationsstruktur hat handfeste Folgen. Experimente aus den 1950er-Jahren mit kleinen Gruppen, die nur über festgelegte Wege Nachrichten austauschen durften, zeigten: Läuft alles sternförmig über eine zentrale Person, löst die Gruppe einfache Aufgaben schnell und geordnet. Die Mitglieder am Rand sind dabei aber deutlich unzufriedener als in Gruppen, in denen jeder mit jedem reden kann. Wer im Team alles über den Chef laufen lässt, gewinnt also Tempo und verliert Motivation.
Beispiel: Die Gruppe der Zuhörer
Sehr schön beobachten lässt sich Struktur bei einem Vortrag. Auch die Zuhörer bilden nach kurzer Zeit eine Art Gruppe, und es kristallisiert sich schnell heraus, wer darin die Führung übernimmt. Diese Person wird meist stillschweigend als Sprecher der Gruppe anerkannt: Sie stellt die erste Frage, fasst zusammen, was alle denken, oder widerspricht dem Referenten.
Die anderen lassen das zu, und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Manche haben zu dem Thema keine eigene Meinung. Andere trauen sich nicht zu, ihren Punkt so zu formulieren, dass die Gruppe und der Vortragende ihn als vernünftigen Beitrag würdigen. Du kennst das von jeder Vereinsversammlung: Wenn der Vorstand fragt, ob es noch Anmerkungen gibt, schauen alle zu der einen Person, die sowieso immer etwas sagt.
Wie definiert sich eine Gruppe nach innen und außen?
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist das Verhältnis von innen und außen. Nach innen versteht sich eine Gruppe als Gemeinschaft, zum Beispiel über gemeinsame Inhalte, Gefühle, Rituale und Werte. Nach außen grenzt sie sich ab: von anderen Gruppen, von einzelnen Personen oder von der Gesellschaft. Das kann harmlos sein, wie beim Stolz auf die „beste Abteilung im Haus“, oder ziemlich ruppig, wie bei rivalisierenden Fangruppen. Wie diese Abgrenzung entsteht, steht in den Regeln der Gruppenbildung.
Gruppenkohäsion: der Kitt, der alles zusammenhält
Wie stark eine Gruppe nach innen zusammenhält, beschreibt die Gruppenkohäsion. Leon Festinger und seine Kollegen haben sie um 1950 sinngemäß als die Gesamtheit aller Kräfte beschrieben, die die Mitglieder dazu bringen, in der Gruppe zu bleiben. Dazu gehören Sympathie füreinander, gemeinsame Ziele, gemeinsame Erfolge und das Ansehen, das die Gruppe nach außen hat.
Im Betrieb erkennst du eine hohe Kohäsion zum Beispiel daran, dass die Fehlzeiten (Absentismus) und die Fluktuation gering sind. Wer sich in seinem Team wohlfühlt, meldet sich seltener krank und kündigt seltener. Im Verein zeigt sich Kohäsion daran, dass auch bei Regen alle zum Arbeitseinsatz kommen.
Zu viel Zusammenhalt kann schaden
Hohe Kohäsion ist nicht automatisch gut. Sehr eng verschweißte Gruppen tun sich oft schwer mit Neuen, halten Kritik von außen für einen Angriff und neigen dazu, unbequeme Meinungen zu unterdrücken. Im Extremfall entsteht Gruppendenken, bei dem eine Gruppe aus lauter klugen Leuten schlechte Entscheidungen trifft. Mehr dazu im Teil über die Vereinheitlichung der Meinung.
Wie macht man die Struktur sichtbar?
Ein klassisches Werkzeug dafür ist die Soziometrie, die Jacob Levy Moreno in den 1930er-Jahren entwickelt hat. Die Grundidee ist simpel: Du fragst alle Mitglieder, mit wem sie gern zusammenarbeiten, zusammensitzen oder in die Projektgruppe gehen würden. Aus den Antworten entsteht ein Soziogramm, eine Art Landkarte der Beziehungen.
Darauf siehst du sofort, wer viele Wahlen bekommt (die „Stars“), wer kaum gewählt wird, wo es Cliquen gibt und welche Untergruppen kaum Verbindung zueinander haben. Lehrkräfte nutzen solche Verfahren, um die Lage in einer Klasse besser zu verstehen.
Vorsichtig mit negativen Fragen
Fragen wie „Mit wem willst du auf keinen Fall zusammenarbeiten?“ liefern zwar aufschlussreiche Daten, können aber verletzen und Außenseiter noch weiter ins Abseits stellen. Wenn du so etwas in einer Klasse oder einem Team einsetzt, frag nur positiv, werte vertraulich aus und zeig das Ergebnis nicht herum.
Mein Fazit
Die Struktur einer Gruppe ist wie das Fundament eines Hauses: Man sieht sie kaum, aber alles steht darauf. Wer einmal darauf achtet, wer redet, wer entscheidet und wer sich anpasst, versteht viele Konflikte im Team oder im Verein deutlich besser. Mir gefällt besonders der Gedanke, dass die offizielle und die tatsächliche Ordnung so oft auseinanderfallen.