Das Colditzer Porzellanwerk und ich

Kastanien, W 50 und Opas Kontrollrunden: 15 Jahre nach unserer letzten Runde war ich zurück auf dem Colditzer Werksgelände – zwischen Birken und Erinnerungen.

5–8 Minuten

Einen großen Teil meiner Kindheit habe ich auf dem Colditzer Industriegebiet verbracht, zwischen Werkstätten, Lastwagen und dem Porzellanwerk. 2008 dachte ich mir: Geh mal wieder zurück zu deinen Wurzeln. Fünfzehn Jahre, nachdem ich mit meinem Opa zum letzten Mal unsere Kontrollrunde gelaufen war, stand ich wieder dort. Das hier ist dieser Spaziergang, Station für Station.

Ein Werk, das eine ganze Stadt geprägt hat

Colditz und Keramik, das gehört seit Jahrhunderten zusammen. Schon im frühen 18. Jahrhundert wurde Colditzer Ton auf Anweisung des Kurfürsten an die Porzellanmanufaktur in Meißen geliefert. 1804 begann in der Steingutfabrik Thomsberger & Hermann die erste Tonverarbeitung vor Ort, und über die Jahrzehnte kamen weitere Steingut-, Steinzeug- und Schamottebetriebe dazu.

1958 begann dann die Porzellanherstellung im VEB Colditzer Porzellanwerk. Der Betrieb war in einem Kombinat unter anderem mit dem Porzellanwerk Kahla verbunden. In seiner Blütezeit sollen hier bis zu 5.000 Menschen gearbeitet haben. Für eine Kleinstadt ist das eine gewaltige Zahl.

Ein Stück davon kennst du wahrscheinlich, auch wenn du nie in Colditz warst: Ein beträchtlicher Teil des Mitropa-Porzellans, also des Geschirrs aus den Speisewagen und Bahnhofsgaststätten der DDR, kam aus Colditz.

Startpunkt: die Reklametafel

Mein Rundgang begann an der großen Reklametafel des Werks. Von dem Schriftzug war 2008 nicht mehr viel übrig. Das „Porzellanwe“ war im Laufe der Zeit verloren gegangen, und die letzten Buchstaben hatte man inzwischen abmontiert und im Colditzer Museum archiviert, damit der Zahn der Zeit nicht mehr ganz so stark daran nagt.

Ein Schild ohne Buchstaben, das ist schon ein ziemlich treffendes Bild für das, was nach 1990 mit vielen Betrieben passiert ist.

Die Treppe zur Bahnstation

Weiter ging es zum Treppenaufgang der Bahnstation. Früher war das eine Hauptschlagader des Werks: 1.000 bis 1.500 Menschen waren hier unterwegs, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause.

2008 war da so gut wie kein Durchkommen mehr. Die Schotterpiste hatte sich die Pflanzenwelt komplett zurückgeholt. Als Kind hatte ich mich immer gefragt, warum eigentlich jede Woche jemand zur Unkrautvernichtung kam. Jetzt wusste ich es. Ein paar Jahre ohne diese wöchentliche Pflege, und die Natur übernimmt.

Oben am Wartehäuschen, das kurz nach der Wende noch renoviert worden war, sah die Welt nicht besser aus. Mit einem 180-Grad-Schwenk konnte ich von dort einen Blick auf die Rückseite des Porzellanwerks erhaschen.

Die Kastanie, die Werkstatt und Opas Fuhrpark

Dann ging der Marsch in Richtung Werkstätten, Instandhaltung und Warenumschlagplatz. Auf dem Weg steht eine Kastanie. Unter ihr lagen und liegen immer viele Früchte, und die habe ich in meiner Schulzeit fleißig gesammelt und abgegeben, um etwas für mein Land zu tun. Warum auch immer. Kastaniensammeln gehörte damals einfach dazu, wie Altpapier und leere Flaschen.

Dahinter liegt die Instandsetzung. Dort standen sie, die Fahrzeuge, die immer „auf die Reparatur warteten“: W 50, L 60, Trabbis und B 1000. Ich saß in allen drin und fuhr mit denen rum. Mein Opa gab Gas, versteht sich. Für einen kleinen Jungen gibt es wohl kaum einen besseren Spielplatz als einen Werkshof voller Lastwagen und einen Opa am Steuer.

Und rechts neben der Werkstatt, da wo 2008 schon nichts mehr stand, habe ich die ersten Jahre meines Lebens gewohnt.

Opas Fuhrpark kurz erklärt

  • W 50: der Standard-Lkw der DDR aus dem IFA-Werk in Ludwigsfelde, ein echtes Arbeitstier.
  • L 60: der Nachfolger, ab 1987 ebenfalls in Ludwigsfelde gebaut, stärker und mit gut einer Tonne mehr Nutzlast. Nach gut 20.000 Exemplaren war im August 1990 Schluss.
  • Trabant: der Trabbi aus Zwickau, muss man nicht erklären.
  • B 1000: der Barkas-Transporter aus Sachsen, als Kastenwagen, Kleinbus oder Pritsche unterwegs.

Schienen im Wald

Vom Werkstattbereich aus ging es über den Warenumschlagplatz. Hier wurde früher verladen, was ins Werk hinein und wieder hinaus musste. Jetzt fand ich eine gekappte Schiene und ein Stück weiter Gleise, die mitten im Wald lagen. Wobei: Der Wald ist erst nach dem Werk gekommen. Da merkt man mal, wie schnell Birken wachsen.

Birken sind Pioniere. Sie keimen auf offenem Boden, kommen mit Schotter und Schutt zurecht und wachsen in den ersten Jahren rasant. Auf Industriebrachen sind sie deshalb meist die ersten Bäume, und nach ein paar Jahren sieht ein Gleisbett aus wie ein Waldweg.

Der Hebekran: Hier steht die Zeit still

Ich dachte schon, hier ist die Welt zu Ende. Doch dann fand ich ein kleines Schlupfloch und stand plötzlich vor dem alten Hebekran.

Die Zeit schien dort irgendwie stillzustehen. Nur vereinzelt hatte es das Gebüsch geschafft, sich durch den guten alten ostdeutschen Beton zu bohren. Allein der Rost ließ das wahre Alter erahnen. Daneben stand noch eine alte Lagerkiste, als würde gleich jemand kommen und sie abholen.

Knapp 5.000 Leute, Tag für Tag

Hier werkelten knapp 5.000 Leute Tag für Tag, von 1958 bis 1990. Ein paar Monate nach einem gewissen Tag, den hier jeder kennt, ging der Stellenabbau los, bis dann irgendwann endgültig die Lichter ausgingen. Wie die Schamotteindustrie hat auch die Porzellanindustrie in Colditz den Umbruch nach 1990 nicht überstanden.

Colditz ist damit kein Einzelfall. Nach der Währungsunion brachen vielen ostdeutschen Betrieben die Märkte in Osteuropa weg, und gleichzeitig konnten sie mit westlicher Konkurrenz kaum mithalten. Die Treuhandanstalt sollte die volkseigenen Betriebe privatisieren. Viele wurden verkauft, viele abgewickelt. Für die Menschen in Städten wie Colditz bedeutete das oft: Nicht nur der Arbeitsplatz war weg, sondern auch der Ort, an dem sich das halbe soziale Leben abgespielt hatte.

Was mich 2008 außerdem geärgert hat: Im Netz tummelten sich Branchenverzeichnisse, die das längst geschlossene Werk noch fröhlich als Eintrag führten. Leichenfledderei nenne ich so etwas. Da wird noch aus dem letzten Quäntchen Information versucht, bare Münze zu machen. Traurig.

Weitere Bilder vom Porzellanwerk gab es damals bei der Freiwilligen Feuerwehr Colditz und bei Eberhard Jasinski. Beide Seiten sind inzwischen leider nicht mehr erreichbar.

Zwischen Wehmut und Dankbarkeit

Diese Bilder wollte ich schon länger veröffentlichen, eigentlich seit Robert von Basic Thinking 2008 über „Wessis und Ossis“ geschrieben hatte. Nur die Zeit ließ es lange nicht zu.

Auf der einen Seite stimmt es mich traurig, dass die Wiedervereinigung solche herben Kollateralschäden zurückgelassen hat. Hier haben Menschen gearbeitet, gelacht, gestritten und ihr Leben aufgebaut, und mittendrin ein kleiner Junge auf dem Beifahrersitz eines W 50. Auf der anderen Seite hätte ich ohne diesen Umbruch wohl nie mein Abi nachgeholt, studiert und das gemacht, was ich heute mache.

Beides ist wahr, und beides darf nebeneinander stehen. Ich glaube, so geht es vielen, die in dieser Zeit im Osten groß geworden sind.

Lost Places nur mit Erlaubnis

Alte Industriegelände ziehen Fotografen magisch an. Aber: Sie sind fast immer Privatgelände, und unerlaubtes Betreten kann teuer werden. Dazu kommen echte Gefahren wie marode Decken, offene Schächte, Glasscherben und Altlasten im Boden. Frag beim Eigentümer oder bei der Stadt nach, geh nie allein und fotografier im Zweifel vom öffentlichen Weg aus.

Spurensuche in Colditz

Wenn du dich für Colditz interessierst, fang am besten beim Schloss an. Es thront über der Stadt, war im Zweiten Weltkrieg ein Gefangenenlager für Offiziere, und heute erinnert dort unter anderem ein Museum an die vielen Fluchtversuche der Gefangenen. Ich habe es 2007 als HDR-Foto vom Colditzer Schloss festgehalten. Und wer wissen möchte, wie man solche Motive mit hohem Kontrastumfang fotografiert, findet in meinem Beitrag zu HDR-Bildern selbst gemacht den Einstieg.

Dass die DDR auf unseren Straßen übrigens noch nicht ganz verschwunden ist, beweisen Fahrzeuge wie das Simson Krause Duo, das mir im August 2008 begegnet ist.

Mein Fazit

Der Spaziergang durchs alte Porzellanwerk war für mich eine Reise zu den eigenen Wurzeln: Kastanien, Opas Lastwagen, die Treppe voller Menschen. Übrig waren 2008 Birken, Rost und ein Schild ohne Buchstaben. Das hat mich traurig gemacht, und trotzdem bin ich dankbar für die Wege, die sich für mich nach der Wende geöffnet haben.

Kommentare

4 Kommentare zu „Das Colditzer Porzellanwerk und ich“

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  2. Avatar von Joachim Wiemann
    Joachim Wiemann

    Hallo Patrick,
    ich durchforste immer mal wieder das „Netz“ nach Vergangenem. Dazu zählt Colditz, wo ich aufgewachsen bin, zur Schule ging und schließlich in Grimma das Abitur ablegte. 1976 machte ich die „Flocke“ und lebe seitdem am Bodensee.
    Die „Porzeline“ (Volksmund) interessiert mich insofern, als dort meine Mutter von 58 bis zur Rente 88 in der Gießerei beschäftigt war. Ich selbst habe in den Ferien bei den Elektrikern gejobbt (sagt man heute) und auf dem genannten Bahnsteig habe ich den Zug nach Grimma bestiegen. –
    Nun ja, wen interessierts. Alte Zeiten eben. Beste Grüße

  3. Avatar von Mathias Schmidt
    Mathias Schmidt

    Von diesem Wartehäusschen bin ich auch allmorgendlich von 1977 bis 1980 in die MAG zum Abimachen nach Grimma gegurkt. Mit dem elend langen Zwischenaufenthalt in Großbothen. Ich glaue, das war immer sooo zeitig, dass diese Uhrzeiten heute gar nicht mehr auf den Weckern draufstehen.

  4. […] er auch nicht lange. Knapp vier Wochen später ging es schon weiter, mit meinem Spaziergang durchs Colditzer Porzellanwerk. Danach kamen Modellbau, Werkstatt, Fräse und 3D-Druck. Das Beste daran: Der Blog läuft bis heute […]

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