Vereinheitlichung der Meinung

Warum dreht sich jede Diskussion um den mit der steilsten These? Wie Gruppen zu einer Meinung finden, sich spalten oder radikalisieren – und was gegen Groupthink hilft.

4–6 Minuten

Ihr müsst euch im Team auf eine Lösung einigen, und plötzlich dreht sich die ganze Diskussion um den einen Kollegen mit der steilsten These. Keiner mag ihn so richtig, aber alle reden mit ihm. Am Ende landet die Gruppe erstaunlich nah an seiner Position. Wie Gruppen zu einer gemeinsamen Meinung kommen – und warum das manchmal gründlich schiefgeht –, darum geht es im letzten inhaltlichen Teil dieser Serie.

Das Experiment: drei Stufen von Druck

In Versuchen mit Studenten wurden Diskussionsgruppen mit unterschiedlichen Vorgaben losgeschickt. Im Aufbau entspricht das einer bekannten Studie von Leon Festinger und John Thibaut aus dem Jahr 1951:

  • Starker Druck: Die Gruppe muss zu einer einstimmigen Entscheidung kommen.
  • Mittlerer Druck: Nach dem Urteil von Fachleuten gibt es nur eine richtige Lösung.
  • Geringer Druck: Der Versuchsleiter interessiert sich angeblich mehr für die Diskussion als für das Ergebnis.

Was dabei herauskam

Unter starkem Druck näherten sich die Standpunkte deutlich an. Gleichzeitig zeigte sich eine Tendenz, den Extremisten besonders zu beachten – also die Person mit der am weitesten abweichenden Meinung. Und das, obwohl er meist als unsympathisch empfunden wurde. Seinem Anteil am Gespräch tat das keinen Abbruch: Er wurde um ein Vielfaches häufiger angesprochen als alle anderen.

Die Folge: Die Durchschnittsmeinung der Gruppe verschob sich im Lauf der Diskussion merklich in Richtung des Extremisten. Der Druck, ein einheitliches Ergebnis zu erzielen, verstärkte diese Tendenz zusätzlich.

Allgemein gilt: Je stärker die Meinung eines Gesprächspartners von der eigenen abweicht, desto häufiger wird er angesprochen. Das passiert auch dann, wenn es gar keinen äußeren Anlass gibt, sich zu einigen. Festinger und Thibaut haben genau das festgehalten: Gibt es in einer Gruppe verschiedene Meinungen, richtet sich die Kommunikation vor allem an diejenigen mit den extremsten Positionen.

Beim mittleren Druck kam es dagegen oft gar nicht zu einer Einigung. Die Absicht dazu bestand zwar, aber nicht selten stellte sich das Gegenteil ein: Am Ende standen sich zwei Untergruppen gegenüber, die nicht mehr zueinanderfanden.

Konzentration oder Spaltung

Die Erfahrung, dass Meinungsaustausch in Gruppen zu einer Annäherung der Standpunkte führt, hat also zwei mögliche Ausgänge:

  1. Konzentration: Die Meinungen rücken tatsächlich zusammen.
  2. Polarisierung mit Zerfall: Die Gruppe spaltet sich in zwei Lager.

In beiden Fällen sichert die Gruppe ihre Einheitlichkeit. Im zweiten Fall trennt sie sich allerdings von einer Gegengruppe oder schließt die Vertreter bestimmter Ansichten aus. Dieses Schicksal kann auch einem einzelnen Extremisten drohen, der an seiner unpopulären Position festhält.

Im Vereinsleben kennst du das vielleicht: Der eine, der bei jeder Versammlung gegen den Neubau des Vereinsheims argumentiert, wird erst stundenlang bekniet und irgendwann nur noch übergangen. Und in der Klasse wird aus dem einen, der bei der Wahl des Ziels für die Abschlussfahrt nicht mitzieht, schnell der Außenseiter. Wie solche Positionen in Gruppen entstehen, beschreibt der Teil über die Rollen innerhalb einer Gruppe.

Erst umworben, dann ausgegrenzt

Stanley Schachter hat das 1951 genauer untersucht. In seinen Diskussionsgruppen saßen eingeweihte Mitspieler, von denen einer stur eine abweichende Meinung vertrat. Zunächst richtete sich ein Großteil der Gespräche an ihn, weil die anderen ihn überzeugen wollten. Als klar wurde, dass er sich nicht bewegt, nahm die Kommunikation mit ihm ab – und am Ende wollte ihn kaum jemand in der Gruppe haben.

Gruppenpolarisierung: Warum Gruppen extremer werden

Ein verwandtes Phänomen hat die Forschung ab den 1960er-Jahren untersucht. Zuerst fiel auf, dass Gruppen nach einer Diskussion riskantere Entscheidungen trafen als ihre Mitglieder vorher allein, man sprach vom „Risikoschub“. Später zeigte sich, dass es allgemeiner ist: Eine Gruppe rückt nach der Diskussion in die Richtung, in die sie ohnehin schon tendierte, nur weiter. Serge Moscovici und Marisa Zavalloni nannten das 1969 Gruppenpolarisierung.

Zwei Erklärungen haben sich bewährt:

  • Neue Argumente: In der Diskussion hörst du vor allem Argumente für die Richtung, die die Gruppe schon einschlägt, und manche davon kanntest du noch nicht.
  • Sozialer Vergleich: Jeder möchte die Position der Gruppe gut vertreten und legt deshalb gern noch eine Schippe drauf.

Das erklärt, warum sich Gleichgesinnte in einer Diskussionsrunde oder einer Chatgruppe gegenseitig in ihrer Haltung bestärken können, bis die Gruppe deutlich extremer dasteht als jeder Einzelne zu Beginn.

Gruppendenken nach Janis

Eine besonders folgenreiche Form der Meinungsvereinheitlichung hat der Psychologe Irving Janis 1972 in seinem Buch „Victims of Groupthink“ beschrieben. Gruppendenken (Groupthink) bedeutet: Eine Gruppe ist so sehr auf Einmütigkeit bedacht, dass sie Alternativen nicht mehr realistisch prüft. Janis untersuchte vor allem politische Fehlentscheidungen, etwa die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht 1961 oder die mangelnde Vorbereitung auf den Angriff auf Pearl Harbor.

Begünstigt wird Gruppendenken vor allem durch einen sehr starken Zusammenhalt, dazu durch eine abgeschottete Gruppe, eine dominante Leitung und eine Lage unter hohem Druck. Zu den Anzeichen, die Janis beschrieb, gehören:

  • die Illusion, unverwundbar zu sein, und der unerschütterliche Glaube an die eigene Moral
  • das Wegerklären von Warnsignalen und Klischees über die Gegenseite
  • Selbstzensur und die Illusion, alle seien sich einig
  • direkter Druck auf Abweichler und selbsternannte „Gesinnungswächter“, die unbequeme Informationen von der Gruppe fernhalten

Man sollte dazu wissen, dass Janis’ Modell vor allem auf Fallstudien beruht und in Experimenten nur teilweise bestätigt wurde. Als Warnliste für Teams taugt es trotzdem hervorragend. Wie Zusammenhalt entsteht und warum er nicht nur gut ist, steht im Teil über die Struktur einer Gruppe.

Wie Anpassungsdruck auf den Einzelnen wirkt, bevor überhaupt diskutiert wird, zeigen die Experimente von Sherif und Asch im Teil Handeln und Verhalten einer Gruppe.

So bleibt eure Gruppe klug

  • Benennt in jeder Besprechung reihum einen Advocatus Diaboli, der bewusst dagegenhält.
  • Die Leitung sagt ihre Meinung zuletzt, nicht zuerst.
  • Holt euch bei wichtigen Entscheidungen eine Meinung von außen.
  • Sammelt Einschätzungen erst anonym und diskutiert dann.
  • Schlaft über große Entscheidungen eine Nacht und prüft sie dann noch einmal.

Mein Fazit

Gruppen finden auf zwei Wegen zu einer Meinung: indem sie zusammenrücken oder indem sie sich spalten. Beides kann sinnvoll sein, beides kann schiefgehen. Ich halte den Advocatus Diaboli für das einfachste und wirksamste Werkzeug, damit aus Einigkeit nicht Einfalt wird.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.