Gruppendynamik

Warum entscheidet eine Gruppe oft ganz anders, als es jeder Einzelne getan hätte? Der Auftakt der Serie: was Gruppendynamik ist, woher sie kommt und wo sie dir begegnet.

4–6 Minuten

Fünf Leute, jeder für sich ziemlich vernünftig, setzen sich an einen Tisch – und heraus kommt eine Entscheidung, die keiner von ihnen allein so getroffen hätte. Das kennst du aus dem Job, aus dem Verein oder spätestens vom WG-Treffen über den Putzplan. Genau mit solchen Vorgängen beschäftigt sich die Gruppendynamik. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Serie, die 2007 aus einem Beleg für mein Studium entstanden ist.

Was ist Gruppendynamik überhaupt?

Die Gruppendynamik untersucht, was in Gruppen von Menschen passiert: wie sie entstehen, wie sich Rollen und Regeln bilden, wie Konflikte laufen und wie Entscheidungen zustande kommen. Der Grundgedanke dahinter: Eine Gruppe hat Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich von der Summe der Eigenschaften ihrer Mitglieder unterscheiden.

Das klingt erst mal abstrakt, ist aber Alltag. Eine Fußballmannschaft voller Einzelkönner kann gegen ein eingespieltes Team ohne Stars verlieren. Eine Schulklasse kann als Ganzes „schwierig“ sein, obwohl jedes Kind einzeln ganz umgänglich ist. Und eine WG kann eine Stimmung entwickeln, die keiner der Bewohner allein mitgebracht hat.

Der Begriff hat dabei zwei Bedeutungen, die man auseinanderhalten sollte:

  • Gruppendynamik als Geschehen: die Prozesse selbst, also das, was zwischen den Leuten abläuft.
  • Gruppendynamik als Fach und Methode: die Forschung darüber und die Trainings, in denen man diese Prozesse bewusst erlebt und reflektiert.

Wo kommt die Gruppendynamik her?

Die Wurzeln liegen in der experimentellen Kleingruppenforschung der 1930er- und 1940er-Jahre. Als Begründer gilt Kurt Lewin (1890–1947), ein Psychologe aus der Berliner Schule der Gestaltpsychologie, der 1933 in die USA emigrierte. Von der Gestaltpsychologie stammt auch der Gedanke, dass das Ganze etwas anderes ist als die Summe seiner Teile – genau das, was oben über Gruppen steht.

Lewin verwendete den Begriff „Gruppendynamik“ ab 1939 in seinen Veröffentlichungen. Ganz allein war er damit nicht: Jacob Levy Moreno, der Erfinder der Soziometrie, benutzte ihn schon ein Jahr früher. 1945 gründete Lewin am MIT das Research Center for Group Dynamics.

Lewins Formel

Lewin fasste seine Feldtheorie in eine knappe Formel: V = f(P, U). Verhalten ist eine Funktion von Person und Umwelt. Wie sich jemand verhält, hängt also nicht nur von seinem Charakter ab, sondern immer auch von der Situation – und dazu gehört vor allem die Gruppe, in der er gerade steckt.

Das Experiment mit den Führungsstilen

Bekannt geworden ist eine Studie, die Lewin Ende der 1930er-Jahre mit Ronald Lippitt und Ralph White durchführte. Sie ließen Gruppen von Kindern unter Leitern mit unterschiedlichem Stil basteln: autoritär (der Leiter bestimmt alles), demokratisch (die Gruppe entscheidet mit Unterstützung des Leiters) und laissez-faire (der Leiter hält sich raus).

Das Ergebnis taucht bis heute in vielen Führungskräfteschulungen auf: In den autoritär geführten Gruppen gab es mehr Feindseligkeit oder Teilnahmslosigkeit, und sobald der Leiter den Raum verließ, sackte die Arbeit ab. Die demokratisch geführten Gruppen arbeiteten auch ohne Aufsicht weiter und gingen freundlicher miteinander um. Laissez-faire schnitt am schlechtesten ab.

Die Entdeckung des Feedbacks

1946 leitete Lewin in Connecticut einen Workshop, aus dem eher zufällig eine neue Methode entstand: Die Teilnehmer saßen abends bei den Auswertungsrunden der Forscher mit und diskutierten, wie sie selbst das Geschehen erlebt hatten. Dieses gegenseitige Rückmelden erwies sich als äußerst lehrreich. Daraus entstanden die Trainingsgruppen, und 1947 – im Jahr von Lewins Tod – wurden in Bethel (Maine) die National Training Laboratories gegründet.

Wo wird Gruppendynamik heute eingesetzt?

Gruppendynamische Verfahren findest du in vielen Berufsfeldern: in der Pädagogik und Erwachsenenbildung, in der Sozialarbeit, in Wirtschaft und Politik, in Beratung und Therapie. Sie dienen dazu,

  • soziale Kompetenzen zu erwerben, also etwa Konflikte anzusprechen oder Rückmeldungen zu geben,
  • Gruppen und Teams zu entwickeln und arbeitsfähig zu machen,
  • und die Prozesse zwischen Menschen in Gruppen zu erforschen.

Ganz praktisch steckt Gruppendynamik in jeder Teamentwicklung im Betrieb, in der Arbeit von Lehrkräften mit einer neuen Klasse, in Supervision und Mediation oder in der Ausbildung von Trainern im Jugendverband. Im deutschsprachigen Raum gibt es dafür eigene Fachgesellschaften. In Deutschland ist das die Deutsche Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsdynamik (DGGO), die 2007 aus der Sektion Gruppendynamik im DAGG hervorgegangen ist.

Was Gruppendynamik nicht ist

Zwei Missverständnisse halten sich hartnäckig. Erstens: Gruppendynamik ist kein Sammelbegriff für Kennenlernspiele, Vertrauensübungen und Floßbau beim Firmenausflug. Solche Übungen können gruppendynamische Prozesse anstoßen, aber das Fach selbst beschäftigt sich mit dem, was dabei zwischen den Menschen passiert. Zweitens ist sie keine Trickkiste, um Gruppen zu manipulieren. Im Gegenteil: Wer die Mechanismen kennt, lässt sich seltener von ihnen überrollen.

Wann entsteht in einer Gruppe überhaupt Dynamik?

Nicht jede Ansammlung von Menschen entwickelt eine Dynamik. Die Leute an der Supermarktkasse beeinflussen sich kaum. Dynamik entsteht erst unter bestimmten Bedingungen: wenn Menschen direkt miteinander zu tun haben, ein Wir-Gefühl entwickeln, gemeinsame Ziele verfolgen und sich gegenseitig beeinflussen.

Um das sauber zu verstehen, muss man ein Stück in die Tiefe gehen. Deshalb nimmt sich diese Serie die einzelnen Bausteine nacheinander vor. Los geht es mit der Frage, was eine Gruppe eigentlich ausmacht. Später geht es um Struktur, Gruppenarten und Rollen, um die Phasen, die eine Gruppe durchläuft, und schließlich darum, wie Gruppen das Verhalten und die Meinungen jedes Einzelnen formen. Alle Teile mit einer kurzen Beschreibung findest du in der Übersicht zur Gruppendynamik.

Erst mal nur beobachten

Wenn du Gruppendynamik im Alltag erkennen willst, achte beim nächsten Teammeeting oder Vereinsabend auf drei Dinge: Wer redet am meisten? Auf wen hören die anderen wirklich? Und wann wird es auffällig still? Allein diese Beobachtungen verraten dir viel über die Struktur einer Gruppe.

Mein Fazit

Gruppendynamik klingt nach Seminarraum und Flipchart, ist aber eines der praktischsten Themen überhaupt. Wer einmal verstanden hat, dass eine Gruppe mehr ist als die Leute darin, schaut mit anderen Augen auf Teammeetings, Elternabende und WG-Küchen. Ich finde, ein Grundverständnis davon sollte eigentlich jeder mitbekommen, der mit anderen Menschen zusammenarbeitet – also so ziemlich jeder.

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