Ein ganzer Hörsaal lacht gleichzeitig über den Lieblingsspruch des Professors – und für einen Moment sind hundert Studenten, die sich größtenteils nicht kennen, eine Einheit. Oder umgekehrt: Im Teammeeting fällt eine Frage, und plötzlich sagt niemand mehr etwas. Solche Momente sind kein Zufall. Die Gruppendynamik spricht hier von kollektiven Bedeutsamkeiten, und dieser Teil der Serie erklärt, was dahintersteckt.
Das Labor: eine Gruppe ohne Tagesordnung
Am besten lassen sich kollektive Bedeutsamkeiten an einer besonderen Form von Gruppe erklären: der Trainingsgruppe, wie sie in gruppendynamischen Seminaren eingesetzt wird. Eine solche Gruppe arbeitet mit zwei Trainern in einem sogenannten Laboratorium. Gemeint ist kein Raum mit Reagenzgläsern, sondern eine Lernsituation, in der bewusst nichts vorhanden ist, was die Gruppe von ihrem eigentlichen Ziel ablenken könnte: sich selbst als Gruppe zu erkennen.
Im Mittelpunkt steht das Erleben im Hier und Jetzt. Die Teilnehmer reden also nicht über Themen von außen, über Politik, den Job oder das Wetter, sondern über ihr persönliches Erleben der Beziehungen und Gefühle in genau dieser Gruppe, in genau diesem Moment.
Die Trainer schaffen dabei nur so viel Ordnung und geben nur so viel Struktur vor, wie unbedingt nötig. Den Teilnehmern bleibt möglichst viel Raum zum freien Handeln und Ausprobieren. Sie müssen selbst herausfinden,
- wer welche Aufgaben übernimmt (die Gruppenrollen) und
- was erlaubt ist und was nicht (die Gruppenregeln).
Diese Form des Lernens geht auf die Anfänge der Gruppendynamik bei Kurt Lewin zurück, die im Auftakt dieser Serie beschrieben sind. Gruppendynamische Trainings nach diesem Prinzip werden bis heute angeboten, meist als mehrtägige Klausur.
Wann ist eine Gruppe arbeitsfähig?
Die Teilnehmer sollen gemeinsam die Ordnung schaffen, die sie brauchen, um sich wohlzufühlen und arbeiten zu können. Arbeitsfähig ist eine Gruppe dann, wenn es ihr gelingt, ihre Situation selbstständig zu klären und zu verbessern. Die Trainer beraten und unterstützen dabei, leiten aber nicht an.
Das ist anstrengender, als es klingt. Ohne Tagesordnung und ohne Chef zeigt sich ziemlich schnell, wer die Lücke füllen will, wer sich zurückzieht und wer gegen jeden Vorschlag ist. Genau das macht das Labor so lehrreich: Die Gruppe durchläuft im Zeitraffer, was im Alltag sonst Wochen oder Monate dauert. Welche Stationen das typischerweise sind, beschreibt der Teil über die Phasen einer Gruppe.
Wozu das Ganze? Wer so ein Training mitgemacht hat, kennt die eigene Wirkung auf andere besser und erkennt Gruppenprozesse auch später im Job, im Verein oder im Klassenzimmer schneller. Deshalb nutzen vor allem Leute aus Berufen, in denen sie mit Gruppen arbeiten, solche Trainings: Lehrkräfte, Führungskräfte, Beraterinnen, Sozialarbeiter oder Trainer in der Jugendarbeit.
Das Johari-Fenster
Ein Modell, das in solchen Trainings bis heute gern verwendet wird, ist das Johari-Fenster von Joseph Luft und Harrington Ingham aus den 1950er-Jahren. Es teilt das, was man über eine Person weiß, in vier Bereiche: was sie selbst und andere kennen, was nur sie kennt, was nur andere sehen (der „blinde Fleck“) und was noch niemand weiß. Durch Rückmeldungen in der Gruppe soll der offene Bereich wachsen und der blinde Fleck schrumpfen.
Lachen und Schweigen als Seismograf
Jetzt kommt der eigentlich spannende Teil. Bei Feinanalysen von Protokollen solcher Trainingsgruppen zeigte sich ein auffälliges Muster: Immer dann, wenn eine Gruppe gemeinsam lacht oder gemeinsam schweigt, werden Themen berührt, die für den Gruppenprozess hochrelevant sind.
Warum ist das so? Gruppen mit wenig vorgegebener Struktur werden von einem empfindlichen Kompromiss getragen, und zwar zwischen dem, was man darf, und dem, was man soll. Niemand hat die Regeln festgelegt, trotzdem spüren alle, dass es welche gibt. Vor allem beim kollektiven Lachen gerät dieses Gleichgewicht für einen Moment aus der Balance. Das Lachen entlädt eine Spannung und zeigt gleichzeitig, dass alle dasselbe verstanden haben, ohne dass es jemand aussprechen musste.
Gemeinsames Schweigen funktioniert ähnlich, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Es entsteht, wenn etwas angesprochen wird, das heikel ist: ein Konflikt, eine unausgesprochene Regel, eine Machtfrage. Die Stille ist dann keine Leere, sondern eine ziemlich laute Botschaft.
Wo du das im Alltag erlebst
Kollektive Bedeutsamkeiten gibt es nicht nur im Trainingslabor. Sehr gut beobachten kannst du sie in Studiengruppen, die über die immer gleichen Phrasen ihres Professors lachen. Das Lachen sagt dann ungefähr: „Wir sitzen alle im selben Boot.“ Aus einer zufällig zusammengewürfelten Menge wird für einen Moment eine Gruppe mit eigener Perspektive.
Weitere Beispiele:
- In der Schulklasse wird ein Spruch der Lehrerin zum Running Gag, den alle kennen und der Neue erst lernen muss.
- Im Team kippt die Stimmung, wenn jemand fragt, wer eigentlich für den verpatzten Auftrag verantwortlich ist, und alle schauen auf den Tisch.
- In der WG wird beim Thema Putzplan schlagartig gelacht, weil alle wissen, dass sich sowieso keiner daran hält.
- Im Verein entsteht betretene Stille, wenn bei der Mitgliederversammlung jemand fragt, wer den Vorsitz übernehmen will.
Solche Insiderwitze und gemeinsamen Pausen gehören übrigens zu den Dingen, die das Wir-Gefühl einer Gruppe ausmachen und ihre Struktur nach innen festigen. Mehr dazu findest du im Teil Struktur einer Gruppe.
Stille nicht überspielen
Wenn du ein Meeting leitest oder eine Gruppe moderierst, ist die Versuchung groß, eine peinliche Stille sofort mit dem nächsten Tagesordnungspunkt zu füllen. Halte sie lieber ein paar Sekunden aus und frag dann ruhig nach: „Was ist gerade los?“ Genau an solchen Stellen liegt oft das Thema, das die Gruppe wirklich beschäftigt.
Mein Fazit
Gemeinsames Lachen und Schweigen sind so etwas wie der Seismograf einer Gruppe. Ich finde, es lohnt sich, in Besprechungen genau darauf zu achten, wann gelacht wird und wann nicht. Oft erfährt man da mehr über die Gruppe als aus jedem Protokoll.
Kommentare
Ein Kommentar zu „Kollektive Bedeutsamkeiten“
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