Die Gruppe in der Gruppendynamik

Zehn Leute an der Bushaltestelle sind keine Gruppe, fünf in einer WG schon. Wo die Grenze liegt, was das Wir-Gefühl ausmacht und welche Merkmale eine echte Gruppe hat.

4–6 Minuten

Zehn Leute, die morgens an derselben Bushaltestelle warten, sind noch keine Gruppe. Fünf Leute, die sich eine WG teilen, dagegen schon. Aber woran liegt das eigentlich? Bevor man über Gruppendynamik reden kann, muss klar sein, was eine Gruppe überhaupt ist – und genau darum geht es in diesem Teil der Serie.

Ab wie vielen Personen spricht man von einer Gruppe?

In der Regel spricht man ab drei Personen von einer Gruppe. Ob schon zwei Menschen eine Gruppe bilden, ist umstritten. Die Zweierbeziehung, die Dyade, wird meist gesondert betrachtet. Der Soziologe Theodor Geiger hat das so begründet: Beim Paar sind immer beide an allem beteiligt, was zwischen ihnen passiert. In einer Gruppe ist das nicht mehr so.

Mit dem Dritten ändert sich tatsächlich einiges. Georg Simmel sah in der Triade die eigentliche Untergrenze der Gruppe. Zu dritt kann man sich verbünden, zwei können sich gegen einen zusammentun, und einer kann vermitteln oder vom Streit der anderen profitieren – Simmel nannte das den „lachenden Dritten“. Wenn du jemals zu dritt in den Urlaub gefahren bist, weißt du, wovon die Rede ist.

Nicht jede Ansammlung ist eine Gruppe

Der Soziologe Friedhelm Neidhardt hat eine Definition geprägt, die oft zitiert wird:

„Gruppe ist ein soziales System, dessen Sinnzusammenhang unmittelbar durch diffuse Mitgliederbeziehungen sowie durch relative Dauerhaftigkeit bestimmt ist.“

Übersetzt heißt das: Die Leute haben direkt miteinander zu tun, ihre Beziehungen sind nicht auf eine einzige Funktion beschränkt („diffus“), und das Ganze besteht eine gewisse Zeit. Deshalb ist nicht jede zufällige Menge von Menschen eine Gruppe. Die Fahrgäste in der S-Bahn, das Publikum im Kino oder die Schlange beim Bäcker sind Ansammlungen. Eine Gruppe wird erst daraus, wenn sich zwischen den Leuten etwas entwickelt.

Häufig ist eine Gruppe von wiederkehrender Interaktion geprägt: Man trifft sich regelmäßig, beim Training, in der Mittagspause, beim Stammtisch. Zwingend ist das aber nicht. Auch eine Seilschaft, die sich nur für eine einzige Bergtour zusammentut, kann für ein paar Tage eine richtige Gruppe sein.

Gruppe oder Organisation?

Nach der anderen Seite grenzt sich die soziale Gruppe von der Organisation ab. Eine Organisation kann sehr groß werden, viele Mitglieder haben und eine komplexe Struktur entwickeln: ein Konzern, eine Behörde, ein Sportverband. Manche Autoren sprechen hier auch von einer „formellen Gruppe“.

Die typischen Merkmale einer Gruppe gelten dort aber nicht mehr, weil vieles anonym läuft. In einem Konzern mit 20.000 Beschäftigten kennt niemand jeden. Innerhalb dieser Organisation gibt es dagegen jede Menge echter Gruppen: die Abteilung, das Projektteam, die Runde, die sich jeden Mittag in der Kantine trifft. Ein Fußballverein mit 800 Mitgliedern ist eine Organisation – die erste Herrenmannschaft darin ist eine Gruppe. Mehr zu diesen Unterscheidungen findest du im Teil über Gruppenarten und ihre Bedeutungen.

Wann gehörst du zu einer Gruppe?

Dafür gibt es zwei ganz einfache Bedingungen. Jemand gehört zu einer Gruppe, wenn

  • er sich der Gruppe zugehörig fühlt und
  • die Gruppe dem nicht widerspricht.

Beides muss zusammenkommen. Wer sich selbst zum Mitglied der Clique erklärt, die ihn eigentlich nur duldet, gehört nicht wirklich dazu. Und wer formal im Team sitzt, sich aber innerlich längst verabschiedet hat, auch nicht.

Das Wir-Gefühl hält alles zusammen

Damit diese Bedingungen erfüllt sein können, braucht jede Gruppe so etwas wie eine Gruppenidentität: das Wir-Gefühl. Es ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass Gruppen entstehen und bestehen bleiben. Es gründet auf dem Gefühl, dazuzugehören und zusammenzugehören.

Zu den Qualitäten einer Gruppe gehört außerdem, dass jedes Mitglied direkt mit jedem anderen zu tun haben kann und dass eine gewisse Vertrautheit entsteht. Woran du ein Wir-Gefühl erkennst? An Insiderwitzen, an gemeinsamen Ritualen wie dem Bier nach dem Training, an einem eigenen Namen für die WG oder daran, dass „wir“ in Gesprächen plötzlich ganz selbstverständlich wird.

Die Sicht der Sozialpsychologie

Eine gängige sozialpsychologische Definition stammt aus einem Aufsatz von Henri Tajfel und John Turner aus dem Jahr 1986. Die beiden gelten als Begründer der Theorie der sozialen Identität. Für sie ist eine Gruppe eine Ansammlung von Menschen, die sich selbst als Mitglieder derselben Kategorie sehen, emotional daran hängen und sich einigermaßen einig darüber sind, wie sie diese Gruppe und ihre Mitgliedschaft bewerten. Diese Definition ist weiter gefasst und funktioniert auch für sehr große Gruppen wie Fans eines Vereins oder ganze Nationen.

Die Merkmale einer Gruppe auf einen Blick

Kurz zusammengefasst hat eine Gruppe im Sinne der Gruppendynamik diese Merkmale:

  • direkte Kontakte zwischen den Mitgliedern (Interaktion)
  • physische Nähe
  • ein Wir-Gefühl (Gruppenbewusstsein)
  • gemeinsame Ziele, Werte und Normen
  • gegenseitige Beeinflussung
  • ein relativ langfristiges Zusammensein

Beim Punkt „physische Nähe“ würde man heute wohl etwas großzügiger sein. Ein Team, das seit Jahren größtenteils per Videocall zusammenarbeitet, oder eine Gaming-Truppe, die sich jeden Freitag im Voice-Chat trifft, erfüllt fast alle anderen Kriterien und kann ein ausgesprochen starkes Wir-Gefühl entwickeln. Der direkte Kontakt bleibt der Kern, er muss aber nicht mehr zwingend im selben Raum stattfinden.

Wie aus solchen Kontakten Schritt für Schritt eine Gruppe wird, erklären die Regeln der Gruppenbildung. Wer sich eher für das große Ganze interessiert, fängt am besten mit dem Auftakt zur Gruppendynamik an.

Der Schnelltest für deine Runde

Ob deine Lerngruppe, dein Kegelverein oder dein neues Projektteam schon eine echte Gruppe ist, merkst du an ein paar einfachen Fragen: Fällt es auf, wenn jemand fehlt? Gibt es Dinge, die „man bei uns eben so macht“? Redet ihr von „wir“, wenn ihr über die Runde sprecht? Wenn du alle drei mit Ja beantwortest, ist aus dem Haufen eine Gruppe geworden.

Mein Fazit

Eine Gruppe ist mehr als ein paar Leute am selben Ort: Es braucht direkte Kontakte, ein Wir-Gefühl und gemeinsame Ziele. Ich finde die Zwei-Bedingungen-Regel zur Zugehörigkeit besonders treffend, weil sie so schön zeigt, dass Gruppe immer von beiden Seiten gemacht wird – von dir und von den anderen.

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