Rollen innerhalb einer Gruppe

Anführer, Beliebte, Tüchtige, Mitläufer, Opponent, Sündenbock: Welche Rollen sich in jeder Gruppe bilden und was die Rangdynamik nach Raoul Schindler dazu sagt.

4–7 Minuten

Der Macher, die Beliebte, der ewige Nörgler, der Klassenclown: Diese Typen kennst du aus jeder Schulklasse, jedem Verein und wahrscheinlich auch aus deinem Team. Das liegt nicht daran, dass sich überall dieselben Charaktere treffen. In Gruppen bilden sich typische Positionen heraus, die irgendjemand besetzt. Welche das sind und was die Forschung darüber weiß, steht in diesem Teil der Serie.

Position, Status und Rolle – kurz sortiert

In der Regel kristallisieren sich in Gruppen innerhalb kurzer Zeit einzelne Positionen heraus. Die Mitglieder nehmen sie ein und füllen sie ganz unterschiedlich aus. Mit den meisten Rollen identifizieren sie sich, bewusst oder unbewusst. Drei Begriffe helfen beim Sortieren:

  • Position: ein „sozialer Ort“ in der Struktur einer Gruppe. Er bringt bestimmte Rechte und Privilegien mit sich, aber auch Pflichten.
  • Status: der Platz, den jemand in einem sozialen Gefüge einnimmt und an den bestimmte Erwartungen geknüpft sind. Der formelle Status ergibt sich aus der Hierarchie und ist oft mit Statussymbolen verbunden, vom Eckbüro bis zur Kapitänsbinde. Der informelle Status bildet sich ungeplant in der Gruppe heraus, etwa der des Außenseiters.
  • Rolle: das Bündel an Verhaltensweisen, das von jemandem in dieser Position erwartet wird.

Die typischen Rollen in einer Gruppe

Gruppenführer

Der Gruppenführer hält die Gruppe zusammen, bestimmt die Ziele und koordiniert, wer was macht. In Gruppen ohne offiziellen Leiter wetteifern meist zwei Typen um diese Position: der Beliebteste und der Tüchtigste, also derjenige, der die Normen und Ziele der Gruppe am konsequentesten verkörpert.

Der Beliebte

Er wird von allen gemocht und steht für die emotionale Seite der Gruppe. Gerade weil er nicht für die Strenge der Gruppenmaßstäbe steht, eignet er sich schlecht als Anführer. Seine Anweisungen werden eher lässig hingenommen und oft nur halbherzig ausgeführt. Bleibt er bei der Zielerreichung erfolglos, verliert er mit der Zeit auch an Beliebtheit.

Der Tüchtige

Er verkörpert die Ziele und Normen der Gruppe und treibt die Sache voran. Genau deshalb kann er kaum gleichzeitig der Beliebteste sein, denn wer Leistung einfordert, eckt an. Oder wie das Sprichwort sagt: „Es recht zu machen jedermann, ist eine Kunst, die keiner kann.“

Zwei Arten von Führung

Dass sich in Gruppen oft zwei Führungsfiguren herausbilden, haben Robert F. Bales und Philip Slater in den 1950er-Jahren in Diskussionsgruppen beobachtet. Sie unterschieden einen aufgabenorientierten Anführer, der Ideen und Richtung liefert, und einen sozial-emotionalen, der für Stimmung und Ausgleich sorgt. Beides vereint selten eine Person. Gute Teams brauchen deshalb oft beide – und funktionieren am besten, wenn die zwei sich gegenseitig respektieren.

Mitläufer

Die Mitläufer orientieren sich am Gruppenführer. Sie lassen sich von ihm lenken und leiten, ohne sich dabei übermäßig benachteiligt zu fühlen. Das klingt abwertend, ist aber für jede Gruppe wichtig: Ohne Leute, die mitziehen und die eigentliche Arbeit erledigen, kommt kein Projekt voran.

Opponent

Der Opponent ist ein starkes Mitglied mit Führungsqualitäten. Er hat eine besondere Beziehung zum Gruppenführer, ist aber selbst nicht zum Anführer geworden und macht diesem – bewusst oder unbewusst – die Position streitig. Er ist oft dafür verantwortlich, dass Konflikte offen ausbrechen. Die dabei entstehenden Aggressionen richten sich leider nicht selten gegen schwächere Mitglieder. Im Kleinen spielt er die Rolle einer Gegenelite.

Sündenbock

Der Sündenbock ist meist das schwächste Mitglied der Gruppe. Ihm wird die Schuld gegeben, wenn die Gruppe ein Ziel verfehlt hat – vor allem dann, wenn niemand die eigentliche Ursache aussprechen mag, weil das unbequem wäre. Wenn die Mannschaft verliert, ist es eben der Torwart, nicht die Taktik des Trainers.

Außenseiter

Der Außenseiter steht am Rand, kann aber durchaus eine Funktion haben. Manchmal wird er zum Berater, gerade weil er nicht in alle Konflikte verstrickt ist und die Gruppe von außen sieht. Häufig kommt er allerdings über die Rolle des „Kaspers“ nicht hinaus.

Wenn aus einer Rolle Mobbing wird

Sündenbock und Außenseiter sind Rollen, die richtig wehtun können. Wenn in einer Klasse, einem Team oder einem Verein immer wieder dieselbe Person ausgegrenzt oder beschuldigt wird, ist das kein harmloses Gruppenphänomen mehr. Sprich es an, hol dir Unterstützung von Lehrkräften, Vorgesetzten oder dem Betriebsrat, und nimm Betroffene ernst.

Die Rangdynamik nach Raoul Schindler

Ein Modell, das im deutschsprachigen Raum in Trainings und Supervision sehr verbreitet ist, stammt vom Wiener Psychiater und Psychotherapeuten Raoul Schindler (1923–2014). Er hat es in den 1950er-Jahren aus seiner Arbeit mit Therapiegruppen entwickelt. Schindler unterscheidet vier Positionen, die sich alle auf ein G beziehen – das Gegenüber, den Gegner oder die Aufgabe, auf die die Gruppe ausgerichtet ist.

PositionFunktion in der Gruppeentspricht ungefähr
AlphaAnführer, gibt die Richtung vor und vertritt die Gruppe gegenüber GGruppenführer
BetaExperte und Berater, sachlich, mit ambivalentem Verhältnis zu AlphaTüchtiger, teils Opponent
Gammaeinfache Mitglieder, unterstützen Alpha und leisten die praktische ArbeitMitläufer
OmegaGegenpol zu Alpha, bremst, zweifelt, verkörpert den WiderstandOpponent, Sündenbock

Der Clou an Schindlers Modell: Die Positionen hängen nicht an der Persönlichkeit, sondern an der Situation. Ändert sich das G, ändert sich oft auch die Rangordnung. Im Firmenteam ist beim Thema Software vielleicht jemand anderes Alpha als bei der Planung der Weihnachtsfeier.

Besonders spannend ist die Omega-Position. Schindler sah sie als festen Bestandteil jeder Gruppe. Omega spricht aus, was andere nur denken, und zeigt Schwachstellen auf. Wird das Omega aus der Gruppe gedrängt, rückt häufig einfach jemand anderes auf diesen Platz. Wer den Nörgler loswerden will, löst das Problem also meist nicht.

Was du mit diesem Wissen anfangen kannst

  • Rollen sind kein Charakter. Wer in der einen Gruppe der Kasper ist, kann in der anderen die Anführerin sein.
  • Kritik ernst nehmen. Der Opponent oder das Omega liefert oft die wichtigsten Hinweise darauf, wo ein Plan wackelt.
  • Rollen bewusst wechseln. Wechselnde Moderation im Teammeeting oder rotierende Ämter im Verein verhindern, dass sich Rollen festfahren.

Wann um diese Rollen gerungen wird, beschreibt der Teil über die Phasen einer Gruppe. Wie sie mit Macht und Status zusammenhängen, zeigt die Struktur einer Gruppe. Und warum sich die Mitläufer so bereitwillig anpassen, steht im Teil Handeln und Verhalten einer Gruppe.

Mein Fazit

Die klassischen Gruppenrollen sind ein bisschen Schablone, aber eine verdammt treffende. Schindlers Rangdynamik finde ich besonders hilfreich, weil sie zeigt, dass Rollen von der Aufgabe abhängen und nicht in Stein gemeißelt sind. Und dass der Nörgler im Team manchmal der Wichtigste von allen ist.

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