Gruppenarten und ihre Bedeutungen

Familie, Projektteam, Fahrgemeinschaft: alles Gruppen, aber sie ticken völlig anders. Formell, informell, primär, sekundär – die wichtigsten Gruppenarten mit Beispielen.

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Deine Familie, dein Projektteam, die Fahrgemeinschaft zur Arbeit und die Runde, die sich jeden Donnerstag zum Doppelkopf trifft: Das sind alles Gruppen. Trotzdem funktionieren sie völlig unterschiedlich. In der einen gibt es klare Regeln von oben, in der anderen entsteht alles von selbst. Damit man darüber vernünftig reden kann, teilt die Gruppendynamik Gruppen in verschiedene Arten ein.

Nach welchen Kriterien teilt man Gruppen ein?

Gruppen kann man nach vielen Kriterien sortieren, etwa nach Größe, Zweck oder Dauer. Die wichtigsten Gruppenarten ergeben sich aber aus zwei Unterscheidungen:

  • formelle und informelle Gruppen
  • Primärgruppen und Sekundärgruppen

Die beiden Paare überschneiden sich, sind aber nicht dasselbe. Bei formell und informell geht es darum, wie eine Gruppe entsteht und wer ihre Regeln macht. Bei primär und sekundär geht es darum, wie eng und emotional die Bindung ist.

Formelle Gruppen: geplant und eingesetzt

Formelle Gruppen sind rational organisiert, bewusst geplant und von außen eingesetzt. Ihre Verhaltensweisen sind normiert und extern vorgegeben, etwa durch eine Stellenbeschreibung, eine Satzung oder einen Projektauftrag. Sie können auf lange Zeit angelegt oder befristet sein.

Typische Beispiele sind Abteilungen, Stäbe und Projektgruppen. Auch eine Schulklasse ist zunächst eine formelle Gruppe: Die Schule stellt sie zusammen, und keines der Kinder hat sich die anderen ausgesucht. Dasselbe gilt für den Vorstand eines Vereins, der nach Satzung gewählt wird und klare Aufgaben hat.

Informelle Gruppen: einfach entstanden

Informelle Gruppen sind meist spontane, ungeplante Beziehungen. Sie entstehen innerhalb oder neben formellen Gruppen. Ihre Ziele, Normen, Rollen und die Verteilung des Status weichen oft von der formellen Gruppe ab. Sie bilden sich, weil die einzelnen Mitglieder etwas davon haben: Gesellschaft, Hilfe, Informationen oder einfach Spaß.

Beispiele sind Fahrgemeinschaften, Hobbygruppen, die Runde in der Kaffeeküche oder die Lerngruppe, die sich vor der Prüfung in der Bibliothek trifft. In der Schulklasse sind es die Cliquen, die sich nach ein paar Wochen bilden.

Die Hawthorne-Studien

Wie wichtig informelle Gruppen sind, zeigten die berühmten Hawthorne-Studien in einem Werk der Western Electric bei Chicago in den 1920er- und 1930er-Jahren. Die Forscher stellten unter anderem fest, dass Arbeiter in einer Gruppe untereinander eigene Regeln entwickelten, wie viel man pro Tag schafft – unabhängig davon, was die Firma vorgab. Wer deutlich mehr oder weniger produzierte, bekam den Unmut der Kollegen zu spüren.

Was informelle Gruppen bewirken

Informelle Gruppen wirken sich auf ganz unterschiedliche Weise auf die formelle Organisation aus. Die positiven Folgen:

  • Sie schließen Lücken, die bei der Regelung von Arbeitsabläufen fast immer bleiben.
  • Sie sorgen für eine schnelle, unbürokratische Kommunikation innerhalb und zwischen den Gruppen.
  • Sie befriedigen Bedürfnisse, die die formelle Gruppe nicht abdeckt: Anerkennung, Informationen, gegenseitige Hilfe.

Die negativen Folgen darf man aber nicht unterschätzen. Über informelle Kanäle verbreiten sich Gerüchte oft schneller als jede offizielle Mail. Und informelle Gruppen können unbeliebte Kollegen isolieren, bis sie kaum noch Anschluss finden.

Primärgruppen: gewachsen und eng verbunden

Den Begriff der Primärgruppe hat der amerikanische Soziologe Charles Horton Cooley 1909 geprägt. Eine Primärgruppe ist organisch gewachsen. Sie ist eine stabile, dauerhafte Kleingruppe mit einer starken emotionalen Bindung. Das klassische Beispiel ist die Familie, dazu kommen enge Freundeskreise. In Primärgruppen lernst du die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens, lange bevor du in einer Firma oder einem Verein landest.

Sekundärgruppen: Zweck vor Gefühl

Die Sekundärgruppe ist dagegen bewusst geplant und rational organisiert. In ihr gelten klare Regeln, damit bestimmte Aufgaben gelöst werden können. Ihre Struktur ist formal. Ein typisches Beispiel ist die Arbeitsgruppe. Die Beziehungen sind hier sachlicher und meist auf den Zweck beschränkt, für den die Gruppe da ist.

Die vier Gruppenarten im Vergleich

GruppenartEntstehungBindungBeispiele
formellgeplant, von außen eingesetzteher sachlichAbteilung, Projektgruppe, Schulklasse
informellspontan, aus BedürfnissenunterschiedlichFahrgemeinschaft, Kaffeeküche, Clique
primärorganisch gewachsenstark emotionalFamilie, enge Freunde
sekundärbewusst geplantzweckgebundenArbeitsgruppe, Ausschuss

In der Praxis gibt es jede Menge Mischformen. Ein Projektteam beginnt als formelle Sekundärgruppe und wird nach ein paar gemeinsamen Krisen vielleicht zu einem Freundeskreis. Eine WG wird über ein Inserat zusammengestellt und kann trotzdem nach einem Jahr wie eine kleine Familie funktionieren.

Eigengruppe, Fremdgruppe, Bezugsgruppe

Zwei weitere Unterscheidungen begegnen dir in der Gruppendynamik immer wieder. Die Eigengruppe ist die, zu der du dich zählst, die Fremdgruppe sind „die anderen“. Diese Unterscheidung geht auf den Soziologen William Graham Sumner zurück und erklärt viel über Zusammenhalt und Abgrenzung, etwa zwischen zwei Abteilungen oder zwei Fanlagern.

Eine Bezugsgruppe ist eine Gruppe, an der du dich orientierst und mit der du dich vergleichst. Dazu musst du gar nicht Mitglied sein. Wer davon träumt, Profi-Gamer zu werden, orientiert sich vielleicht an einem E-Sport-Team, das er nur aus dem Stream kennt.

Wofür dir die Einteilung im Alltag nützt

Besonders hilfreich ist das Wissen, wenn du neu irgendwo anfängst – im Job, im Verein oder an der Uni. Die formelle Gruppe siehst du sofort: Organigramm, Mannschaftsaufstellung, Stundenplan. Die informellen Gruppen musst du erst entdecken. Wer geht mit wem in die Mittagspause? Wer sitzt nach dem Training noch zusammen? Genau dort laufen oft die Informationen, die in keiner offiziellen Mail stehen. Es lohnt sich also, nicht nur die Aufgaben kennenzulernen, sondern auch die Leute dahinter.

Was eine Gruppe überhaupt zur Gruppe macht, steht im Teil Die Gruppe in der Gruppendynamik. Wie sich innerhalb dieser Gruppenarten Ordnung und Hierarchie bilden, zeigt die Struktur einer Gruppe, und warum sich Eigengruppen so gern abgrenzen, erklären die Regeln der Gruppenbildung.

Mein Fazit

Die Einteilung in formelle, informelle, Primär- und Sekundärgruppen wirkt auf den ersten Blick trocken, hilft aber enorm beim Verstehen. Gerade im Job lohnt es sich, neben dem Organigramm auch die informellen Gruppen im Blick zu haben – dort wird oft mehr entschieden als in jeder offiziellen Besprechung.

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