Die einzelnen Phasen einer Gruppe

Erst höflich, dann Krach, dann läuft’s: Neue Teams und Klassen durchlaufen typische Phasen. Das Fünf-Phasen-Modell, Tuckmans Forming bis Performing und was jeweils hilft.

4–6 Minuten

Neue Klasse, neues Team, neue WG: Die ersten Wochen sind meist erstaunlich höflich. Dann kracht es, weil plötzlich jeder seinen Platz sucht. Und irgendwann läuft es einfach. Das ist kein Zufall, sondern ein Muster, das die Gruppendynamik in sogenannten Phasenmodellen beschreibt. Hier erfährst du, welche Phasen es gibt, was in ihnen passiert und wie du jede davon gut überstehst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele Modelle beschreiben drei bis fünf Phasen, die Gruppen nacheinander durchlaufen.
  • Typisch ist: Kennenlernen, Machtkämpfe, Vertrautheit, produktives Arbeiten, Abschied.
  • Das bekannteste Modell stammt von Bruce Tuckman (1965): Forming, Storming, Norming, Performing.
  • Gruppen laufen nicht stur nacheinander durch. Neue Mitglieder oder Abgänge werfen sie oft zurück.

Was Phasenmodelle leisten – und was nicht

Die verschiedenen Gruppenmodelle versuchen, Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung von Gruppen zu beschreiben. Meist werden drei bis fünf aufeinanderfolgende Phasen unterschieden.

Wichtig ist dabei: Nicht jede Gruppe durchläuft alle Stufen. Oft bleiben Gruppen in einer Phase stecken, fallen kurz in eine frühere zurück oder wiederholen eine Phase. Das passiert vor allem dann, wenn die Gruppe durch neue Mitglieder oder Abgänge „gestört“ wird. Kommt ein neuer Kollege ins eingespielte Team oder verlässt die Kapitänin die Mannschaft, geht das Sortieren oft von vorn los.

Die fünf Phasen einer Gruppe

Das folgende Fünf-Phasen-Modell ähnelt stark dem Modell von Saul Bernstein und Louis Lowy, das vor allem in der Sozialen Arbeit und in der Pädagogik verbreitet ist.

1. Fremdheitsphase

Jeder versucht, sich von seiner besten Seite zu zeigen und sich so zu verhalten, wie er gern gesehen werden möchte. Vorsichtig tastet man die anderen ab. Denk an den ersten Tag in einer neuen Klasse: Alle sind freundlich, keiner sagt etwas Kontroverses, und beim Mittagessen setzt man sich erst mal zu denen, die am harmlosesten wirken.

2. Orientierungsphase

Die Einzelnen begreifen sich allmählich als Gruppe, und es beginnt das Rollen-Finden. Wer hat hier das Sagen? Wer ist der Experte, wer der Spaßvogel? Zum Teil entstehen dabei heftige Machtkämpfe. Im Projektteam zeigt sich das an Diskussionen, die eigentlich gar nicht um die Sache gehen, sondern darum, wessen Vorschlag sich durchsetzt.

3. Vertrautheitsphase

Die Rollen in der Gruppe sind vergeben, jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe. In dieser Phase ist die Gruppe am produktivsten. In manchen Modellen heißt sie deshalb auch Arbeitsphase. Eine Fußballmannschaft in dieser Phase spielt sich die Bälle zu, ohne lange nachzudenken.

4. Differenzierungsphase

Die Mitglieder orientieren sich wieder stärker nach außen, sehen die Gruppe aber weiterhin als Rückzugsort. Unterschiede dürfen sein, ohne dass gleich der Zusammenhalt wackelt. Diese Phase wird nicht in allen Modellen beschrieben.

5. Abschlussphase

Die Gruppe löst sich auf oder wird aufgelöst, zum Beispiel eine Schulklasse nach dem Abschluss oder ein Projektteam nach der Übergabe. Auch diese Phase taucht nicht in jedem Modell auf, obwohl sie für die Beteiligten oft mit gemischten Gefühlen verbunden ist: Stolz, Wehmut, manchmal Erleichterung.

Das Modell von Tuckman

Das international bekannteste Phasenmodell stammt vom amerikanischen Psychologen Bruce Tuckman. Er hat 1965 rund 50 Studien zur Entwicklung von Gruppen ausgewertet, von Therapiegruppen bis zu Arbeitsgruppen, und daraus vier Phasen abgeleitet. 1977 ergänzte er zusammen mit Mary Ann Jensen eine fünfte.

TuckmanDeutschWas passiertEntspricht etwa
FormingKontaktKennenlernen, Höflichkeit, Ziele klärenFremdheitsphase
StormingKonfliktStreit um Einfluss, Status und RichtungOrientierungsphase
NormingKontraktRegeln und Rollen werden akzeptiertÜbergang zur Vertrautheit
PerformingKooperationeingespieltes, produktives ArbeitenVertrautheitsphase
AdjourningAuflösungAufgabe erledigt, AbschiedAbschlussphase

Der große Vorteil des Tuckman-Modells: Es ist eingängig und lässt sich gut merken. Deshalb gehört es heute zum Standardrepertoire vieler Projektmanagement- und Führungsschulungen.

Wie verlässlich sind solche Modelle?

Man sollte Phasenmodelle nicht als Naturgesetz verstehen. Schon in Tuckmans eigener Auswertung tauchte eine ausgeprägte Konfliktphase nur in etwa der Hälfte der untersuchten Studien auf. Manche Gruppen springen direkt vom Kennenlernen ins Arbeiten, andere kommen aus dem Storming nie heraus. Und in der Praxis pendeln Teams oft zwischen den Phasen hin und her, statt sie ordentlich nacheinander abzuarbeiten.

Als Landkarte taugen die Modelle trotzdem: Sie helfen dir, Krach im Team nicht sofort als Katastrophe zu sehen, sondern als ganz normalen Entwicklungsschritt.

Was hilft in welcher Phase?

  • Am Anfang: Zeit zum Kennenlernen einplanen, Ziele und Erwartungen klar machen. Wer hier spart, zahlt später drauf.
  • Wenn es kracht: Konflikte ansprechen statt unter den Teppich kehren. Klare Zuständigkeiten nehmen den Machtkämpfen den Wind aus den Segeln.
  • Wenn es läuft: der Gruppe Raum lassen und nicht ohne Not umbauen. Jede neue Besetzung kann die Phasen neu anstoßen.
  • Zum Schluss: den Abschied bewusst gestalten, mit Rückblick, Dank und ruhig auch einer Feier. Gruppen, die sauber auseinandergehen, arbeiten oft gern wieder zusammen.

Wie die Rollen aussehen, um die in der Orientierungsphase gerungen wird, beschreibt der Teil Rollen innerhalb einer Gruppe. Warum sich überhaupt Gruppen bilden, erklären die Regeln der Gruppenbildung, und welche Ordnung am Ende entsteht, zeigt die Struktur einer Gruppe.

Häufige Fragen

Wie lange dauert die Storming-Phase?

Dafür gibt es keine feste Zeit. Bei einem Workshop kann sie nach ein paar Stunden durch sein, bei einem Team, das jahrelang zusammenarbeitet, auch Monate dauern. Entscheidend ist, ob die Konflikte geklärt werden oder nur unter der Oberfläche weiterschwelen.

Kann eine Gruppe Phasen überspringen?

Ja, das kommt vor. Gruppen mit klarer Aufgabe und eindeutiger Leitung kommen manchmal ohne sichtbaren Machtkampf aus. Oft holen sie den Konflikt aber später nach, etwa unter Zeitdruck.

Was passiert, wenn jemand Neues ins Team kommt?

Häufig fällt die Gruppe ein Stück zurück, weil Rollen und Rangordnung neu ausgehandelt werden. Eine bewusste Einarbeitung und offene Gespräche über Aufgaben können diese Phase deutlich verkürzen.

Mein Fazit

Die Phasenmodelle sind vereinfacht, aber gerade deshalb so nützlich: Sie geben dem Chaos im neuen Team einen Namen. Ich finde vor allem die Botschaft beruhigend, dass Streit am Anfang dazugehört und keine Gruppe sofort perfekt funktioniert.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.