Google Streetview in Chemnitz

Herbst 2008: Ein Google-Kameraauto parkt mitten in Chemnitz. Was damals los war, warum Deutschland zum Street-View-Sonderfall wurde und was seit 2023 gilt.

5–8 Minuten

Ich habe es fast nicht glauben können: Im Herbst 2008 stand es plötzlich vor mir, ein Auto von Google mit Kameramast auf dem Dach. Nicht in Berlin oder Hamburg, sondern bei mir in der Nähe, in Chemnitz. Was ich damals davon hielt, warum Street View in Deutschland zu so einem Drama wurde und wie die Lage heute aussieht, liest du hier.

Ein Google-Auto in der Straße Usti nad Labem

Google war 2008 dabei, für sein Projekt Street View die Straßen abzufilmen, und nun eben auch in Chemnitz. Das Auto stand in der Straße Usti nad Labem, benannt nach der tschechischen Partnerstadt von Chemnitz. Ich vermutete damals stark, dass der Fahrer dort wohnt.

Natürlich hab ich sofort ein paar Fotos gemacht. Die Bilder sind mit den Jahren leider verloren gegangen. Zu übersehen war so ein Wagen jedenfalls nicht: Auf dem Dach saß ein Mast mit mehreren Kameras, die zusammen Rundum-Panoramen aufnehmen.

Meine Meinung dazu war damals eindeutig: Normalerweise gehören die Dinger verbannt, auch wenn sie temporäre Arbeitsplätze schaffen. Mit dieser Haltung war ich nicht allein. Im September 2008 wollte zum Beispiel die Gemeinde Molfsee bei Kiel den Kameraautos die Fahrt durch ihre Straßen verbieten. Weil das Fotografieren öffentlicher Straßen an sich erlaubt ist, wollte man es über das Straßenrecht versuchen und Google eine Sondernutzungserlaubnis abverlangen, die man dann ablehnen würde.

Warum Street View in Deutschland so aufregte

Ab Juli 2008 fuhren die Google-Autos durch viele deutsche Städte und Landkreise. Was in den USA schon länger lief, traf hier auf ein sehr ausgeprägtes Gespür für Privatsphäre. Hausfassaden, Vorgärten, Autos vor der Tür, alles für jeden im Netz abrufbar: Das war vielen nicht geheuer, und Politiker aller Ebenen schalteten sich ein.

Dann kam 2010 heraus, dass die Street-View-Autos nebenbei auch Daten aus unverschlüsselten WLAN-Netzen mitgeschnitten hatten. Das goss zusätzlich Öl ins Feuer. Im April 2013 bekam Google dafür in Deutschland ein Bußgeld von 145.000 Euro. Über Googles Eigenheiten hatte ich mich übrigens schon vorher gewundert, siehe Ist Google paranoid?.

2010: Das große Verpixeln

Google reagierte mit einem Verfahren, das es in dieser Form sonst kaum gab: Ab August 2010 konnten Bewohner und Eigentümer vor der Veröffentlichung verlangen, dass ihr Haus unkenntlich gemacht wird. Am Ende kamen 244.237 Anträge zusammen. Die betroffenen Fassaden erschienen danach dauerhaft verwischt, weil Google zugesagt hatte, die Rohdaten zu löschen. Umgangssprachlich hieß das „Verpixeln“, auch wenn technisch eher weichgezeichnet wurde.

Im November 2010 ging Street View in Deutschland online, zuerst mit Oberstaufen im Allgäu, zwei Wochen später mit den 20 größten Städten: Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg, Stuttgart und Wuppertal.

Chemnitz war nicht dabei. Die Aufnahmen, die das Auto in meiner Nachbarschaft gemacht hatte, sind meines Wissens nie öffentlich im Netz gelandet. Und dabei blieb es lange: Im April 2011 erklärte Google, Street View in Deutschland weder auszubauen noch zu aktualisieren. Deutschland blieb für über ein Jahrzehnt ein Flickenteppich aus ein paar Großstädten mit immer älteren Bildern und viel grauer Fläche dazwischen.

Wo die Grenze zum Datenschutz liegt

Street View fotografiert den öffentlichen Raum, also das, was jeder Passant von der Straße aus sieht. Das ist in Deutschland grundsätzlich erlaubt. Gesichter und Kfz-Kennzeichen macht Google automatisch unkenntlich. Gestritten wurde vor allem darüber, ob die systematische, weltweit abrufbare Sammlung solcher Bilder noch dasselbe ist wie ein Blick über den Gartenzaun.

Der Neustart ab 2023

Zwischen 2020 und 2022 waren die Kameraautos wieder unterwegs. Google betonte damals noch, die Daten dienten nur dazu, die Karten zu verbessern, eine Veröffentlichung sei nicht geplant. Im Juni 2023 kam dann doch die Kehrtwende: Seit dem 25. Juli 2023 sind in Deutschland neue Street-View-Bilder zu sehen, aufgenommen 2022. Dazu gehören die 20 großen Städte von damals und viele neue Gebiete. Weitere Regionen und neuere Aufnahmen sollen nach und nach dazukommen.

Kurz vorher hat Google die alten Bilder aus der Zeit vor 2010 entfernt. Damit sind auch die verwischten Fassaden von damals verschwunden. Frühere Widersprüche gelten für die neuen Aufnahmen nicht mehr. Wer sein Haus auch auf den neuen Bildern unkenntlich haben will, muss das neu beantragen.

Ob deine Straße in Chemnitz inzwischen abgedeckt ist, prüfst du am schnellsten selbst: In Google Maps das kleine gelbe Männchen auf die Karte ziehen. Blau markierte Straßen haben Street-View-Bilder.

So beantragst du heute die Unkenntlichmachung

Heute läuft die Unkenntlichmachung in der Regel über die veröffentlichten Bilder selbst:

  1. Öffne die Street-View-Ansicht deines Hauses in Google Maps.
  2. Klicke unten rechts auf „Problem melden“.
  3. Markiere dein Haus im Bild und wähle als Grund, dass es dein Zuhause zeigt.
  4. Gib deine E-Mail-Adresse an und schick den Antrag ab.

Endgültig heißt endgültig

Google weist darauf hin, dass sich eine Unkenntlichmachung nicht rückgängig machen lässt. Überleg dir also vorher, ob du das wirklich willst. Wenn du zum Beispiel ein Geschäft im Haus hast, kann ein verwischtes Gebäude potenzielle Kunden eher verwirren.

Gibt es Alternativen zu Google?

Die bekannteste ist Mapillary. Dort laden Freiwillige Straßenfotos hoch, die sie mit dem Handy, einer Actioncam oder einer 360-Grad-Kamera aufgenommen haben, oft vom Fahrrad oder Auto aus. Gesichter und Kennzeichen werden automatisch unkenntlich gemacht. Das Projekt gehört seit 2020 zu Meta, die Bilder dürfen aber unter anderem für OpenStreetMap genutzt werden, etwa um Hausnummern, Verkehrszeichen oder Radwege nachzutragen.

Die Abdeckung ist naturgemäß lückenhafter als bei Google und hängt davon ab, ob in deiner Gegend jemand fleißig fotografiert. Dafür kannst du selbst mitmachen: Kamera an den Lenker, losfahren, hochladen. Für jemanden, der 2008 noch ein Kameraauto aus der Stadt jagen wollte, ist das zugegeben eine ironische Wendung.

Was bleibt von der Aufregung?

Aus heutiger Sicht ist die Stimmung von 2008 schwer zu vermitteln. Damals war die Vorstellung neu, dass jeder vom Sofa aus durch fremde Straßen spazieren kann. Heute nutzen viele Street View ganz selbstverständlich, um vor einem Umzug die Gegend anzuschauen, einen Parkplatz vor dem Arzt zu finden oder nachzusehen, wie die Einfahrt zum Hotel aussieht. Wer schon mal einen Umzug von Dresden nach Chemnitz mitgemacht hat, weiß so einen Vorab-Blick zu schätzen.

Gleichzeitig hatten die Kritiker nicht in allem unrecht. Der WLAN-Mitschnitt hat gezeigt, dass beim Datensammeln im großen Stil Dinge passieren können, die niemand angekündigt hat. Dass Deutschland mit dem Widerspruchsrecht einen eigenen Weg gegangen ist, hat zumindest dafür gesorgt, dass über das Thema überhaupt öffentlich gestritten wurde.

Und Chemnitz? Die Stadt war 2025 Kulturhauptstadt Europas. Ob mit oder ohne Street View: Ein Besuch in echt lohnt sich mehr als jeder virtuelle Rundgang.

Häufige Fragen

Gibt es Google Street View in Chemnitz?

Beim Start 2010 war Chemnitz nicht unter den 20 Städten. Seit Juli 2023 erweitert Google die Abdeckung in Deutschland schrittweise. Ob eine bestimmte Straße schon Bilder hat, siehst du in Google Maps, wenn du das Street-View-Männchen auf die Karte ziehst.

Gilt mein Widerspruch von 2010 noch?

Nein. Die alten Aufnahmen wurden 2023 entfernt, und für die neuen Bilder musst du die Unkenntlichmachung neu beantragen, über „Problem melden“ direkt in Street View.

Sind Street-View-Bilder live?

Nein. Es sind Momentaufnahmen, die meist Monate bis Jahre alt sind. Das Aufnahmedatum steht in der Street-View-Ansicht mit dabei.

Mein Fazit

2008 hätte ich die Kameraautos am liebsten aus der Stadt gejagt. Heute sehe ich das differenzierter: Street View ist praktisch, und das deutsche Widerspruchsrecht war ein vernünftiger Kompromiss. Wer sein Haus nicht im Netz sehen will, kann es auch heute unkenntlich machen lassen, muss sich aber selbst darum kümmern.

Kommentare

7 Kommentare zu „Google Streetview in Chemnitz“

  1. […] war aber nicht der erste, der das Auto in Chemnitz gesichtet […]

  2. Avatar von tankstellensuche
    tankstellensuche

    Die Zukunft ist unaufhaltbar! Bei Google Earth gabs ja zu Beginn auch viele Skeptiker, aber jetzt meckert da keiner mehr rüber…

    Genau so wird es mit Google Streetview auch nicht anders sein.

  3. Avatar von Biertyp
    Biertyp

    Heul doch Du Lulli. Ist Dir die Welt zu modern, dann zieh in den Wald zu deiner Familie.

  4. Avatar von Seiyaru
    Seiyaru

    Also ich finde das immer lustig. Jeder regt sich über Googel auf aber wenn jemand an deinen Haus mit einer Kamera vorbei läuft ist das OK? Leute die sich über sowas aufregen haben echt keine Probleme, auf der Welt wird gehungert, es sterben pro Minute Menschen durch Krieg, Krankheit usw. und du regst dich über Googel Streetview auf?

    Welches Recht hast du überhaupt zu verlangen das das Verboten wird. Zudem inwiefern schränkt dich das in deiner Lebensqualität ein? Du hast einen eigenen Block sicherlich auch ein Facebook Account…………. dadurch Zeigst du dich mehr als ein Foto deines Hauses je könnte. Also wirklich ich finde es immer klasse wie widersprüchlich der Mensch doch ist. So gläsern wie du dich durch Facebook und deinen Blog für andere machst sollte Googel Streetview das kleinste der Sorgen sein.

    Mir ist es doch total Wurst ob die mein Mietshaus oder mein Eigentum per Streetview sehen können, warum auch? Jeder Passant der auf meiner Straße vorbei läuft kann auch mein Fenster und oh meine Hauswand sehen.

  5. Avatar von Raki
    Raki

    Übrigens die Straße nennt sich richtig „Straße Usti nad Labem“ und ja das Auto steht öfters da 😀

  6. Avatar von Behemothokun
    Behemothokun

    Wer mal so eins mit eigenen Augen sehen will:

    Zurzeit parkt öfters mal so ein StreetView-Auto auf der Schiersandstraße Ecke Limbacherstraße. (Bei der Apotheke)

  7. […] Und die Polizei? Drohnen gehören heute bei vielen Polizeien in Deutschland zur normalen Ausstattung, etwa zur Dokumentation von Unfällen, bei der Suche nach Vermissten oder bei Großlagen. Die Diskussion um Überwachung und Datenschutz ist dabei geblieben, ähnlich wie wenige Monate später beim Google-Street-View-Auto in Chemnitz. […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.