Nach langer Zeit war ich im Frühjahr 2009 mal wieder im Chemnitzer Tierpark, und da steppte nicht der Bär, sondern der Löwe. Sein Gebrüll konnte man durch den ganzen Park hören – so jedenfalls die Legende, die mein Foto erzählen sollte. Hier erfährst du, was wirklich los war, warum Löwen überhaupt brüllen, warum sie so viel gähnen und was aus dem Löwen im Tierpark geworden ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Mein „brüllender“ Löwe hat in Wahrheit nur gegähnt.
- Das Brüllen eines Löwen ist bis zu acht Kilometer weit zu hören und dient vor allem der Reviermarkierung.
- Gähnen steckt bei Löwen nachweislich an und hilft dem Rudel, sich zu synchronisieren.
- Nach dem Tod von Löwe Malik 2018 hat der Tierpark Chemnitz die Löwenhaltung beendet, 2020 öffnete auf der alten Anlage ein Hyänengehege.
Der Löwe, der nur gähnte
Auf meinem Foto sah er aus wie der König der Tiere in voller Lautstärke. Wer das Bild ohne Erklärung gesehen hätte, hätte ihm das Gebrüll sofort abgenommen.
Na gut, dem war mindestens so langweilig wie mir. Der Löwe gähnte nur. Armes Tier.
Das Foto gibt es leider nicht mehr, die Geschichte aber schon. Und sie wirft ein paar Fragen auf: Wie unterscheidet man Brüllen und Gähnen? Und warum gähnen Löwen eigentlich so viel?
Wer war der Löwe im Tierpark Chemnitz?
Der Tierpark Chemnitz liegt im Westen der Stadt im Stadtteil Reichenbrand, auf einem ehemaligen Sumpfgelände. Er wurde 1964 gegründet, ist etwa zehn Hektar groß und beherbergt rund 1.000 Tiere aus etwa 200 Arten. Ursprünglich lag der Schwerpunkt auf der Tierwelt der damaligen Sowjetunion, heute steht der Artenschutz im Vordergrund.
Der Löwe von damals dürfte Malik gewesen sein. Der Angola-Löwe kam im Mai 2005 nach Chemnitz und war im Zoo Leipzig geboren worden. Im Juni 2007 zog er zusammen mit der Löwin Kimba aus dem Zoo Halle in eine neue Anlage am Eingang. Malik galt als eine der Attraktionen des Tierparks.
Im Oktober 2018 starb Malik, und der Tierpark nahm seinen Tod zum Anlass, die Löwenhaltung zu beenden. Die alte Löwenanlage wurde mit Unterstützung des Fördervereins zu einer Anlage für Tüpfelhyänen umgebaut, die 2020 eröffnet wurde. Welche Tiere aktuell zu sehen sind, schaust du vor dem Besuch am besten auf der Website des Tierparks nach.
Warum brüllen Löwen?
Löwen gehören zu den wenigen Katzen, die richtig brüllen können. Das Gebrüll eines erwachsenen Männchens ist unter guten Bedingungen bis zu acht Kilometer weit zu hören. Es hat vor allem drei Aufgaben:
- Revier markieren: Das Brüllen sagt fremden Löwen unmissverständlich, dass dieses Gebiet besetzt ist.
- Kontakt halten: Rudelmitglieder, die verstreut unterwegs sind, finden über das Brüllen wieder zueinander.
- Stärke zeigen: Ein kräftiges Gebrüll signalisiert Rivalen, dass hier jemand ist, mit dem man sich besser nicht anlegt.
Gebrüllt wird vor allem in der Dämmerung und nachts. Oft brüllen mehrere Tiere im Chor, und meist folgt auf das eigentliche Brüllen eine Reihe kürzerer, grunzender Laute. Mitten am Tag, wenn Besucher im Zoo vor dem Gehege stehen, ist die Chance auf ein echtes Gebrüll dagegen eher gering.
Wie entsteht das Brüllen?
Lange galt das nur teilweise verknöcherte Zungenbein der Großkatzen als Grund dafür, dass Löwen brüllen und Hauskatzen nur miauen. Neuere Untersuchungen sehen den Schlüssel eher im Kehlkopf: Die Stimmlippen von Löwen sind besonders gebaut und können offenbar sehr tiefe, laute Töne erzeugen.
Brüllen oder Gähnen: So erkennst du den Unterschied
Auf einem Foto sehen beide Verhaltensweisen ganz ähnlich aus. Live erkennst du den Unterschied aber schnell:
| Merkmal | Brüllen | Gähnen |
|---|---|---|
| Geräusch | Tief, laut, oft mehrfach wiederholt | Kaum zu hören |
| Körperhaltung | Meist stehend oder sitzend, Bauch und Flanken arbeiten sichtbar mit | Oft entspannt im Liegen |
| Dauer | Eine ganze Serie von Lauten | Nur wenige Sekunden |
| Tageszeit | Vor allem Dämmerung und Nacht | Jederzeit, oft beim Dösen |
Kurz gesagt: Wenn es still bleibt, war es ein Gähnen.
Warum Löwen so viel gähnen
Löwen sind echte Meister im Nichtstun. Sie verbringen einen Großteil des Tages mit Ruhen und Schlafen, oft bis zu 20 Stunden. Gejagt und gelaufen wird vor allem in den kühleren Stunden. Wer so viel döst, gähnt natürlich auch oft, besonders beim Übergang vom Ruhen zur Aktivität.
Richtig spannend ist eine Studie aus dem Jahr 2021. Ein Team um die Verhaltensforscherin Elisabetta Palagi von der Universität Pisa hat dafür 19 Löwen aus zwei Rudeln im Makalali-Wildreservat in Südafrika beobachtet. Das Ergebnis: Löwen, die gerade ein anderes Rudelmitglied gähnen gesehen hatten, gähnten innerhalb von drei Minuten 139-mal häufiger als Tiere ohne diesen Anblick. Und danach kopierten sie mit elfmal höherer Wahrscheinlichkeit die Bewegungen des Löwen, der mit dem Gähnen angefangen hatte. Stand der eine auf, stand der andere oft wenige Sekunden später ebenfalls auf.
Die Forscher vermuten, dass ansteckendes Gähnen dem Rudel hilft, sich abzustimmen, etwa wenn es von der Ruhephase zur Jagd übergeht. Ein gähnender Löwe ist also nicht zwingend gelangweilt. Vielleicht wollte der Löwe im Tierpark einfach sein Publikum synchronisieren. Bei mir hätte es geklappt: Gelangweilt war ich ja schon.
Tipps für deinen nächsten Zoobesuch
Wenn du Löwen oder andere Großkatzen nicht nur schlafend sehen willst, helfen ein paar einfache Regeln:
- Früh oder spät kommen: Kurz nach der Öffnung und am späten Nachmittag sind viele Raubkatzen aktiver als in der Mittagshitze.
- Fütterungszeiten nachschauen: Viele Zoos veröffentlichen Fütterungen und kommentierte Termine. Dann ist garantiert Bewegung im Gehege.
- Bewölkte, kühle Tage nutzen: Bei großer Hitze liegen Löwen fast nur im Schatten.
- Geduld mitbringen: Ein paar Minuten länger am Gehege zu bleiben, lohnt sich oft. Und genau hinschauen: Liegt er entspannt, ist das nächste Gähnen nicht weit.
- Rücksicht nehmen: Nicht an die Scheiben klopfen, nicht rufen, Blitz aus. Die Tiere haben ohnehin ein Publikum, das sie sich nicht ausgesucht haben.
Gähnen fotografieren
Wenn du einen Löwen „brüllend“ fotografieren willst, ist ein Gähnen tatsächlich die beste Gelegenheit. Kündigt es sich an, weil der Löwe den Kopf hebt und die Augen schließt, hältst du schon mal drauf. Eine Serienbildfunktion erwischt dann genau den Moment mit dem weit aufgerissenen Maul.
Löwen in freier Wildbahn: Wie steht es um sie?
So entspannt der Löwe im Tierpark wirkte, seinen wilden Verwandten geht es nicht gut. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft den Löwen als gefährdet ein. Nach ihrer Schätzung ist der weltweite Bestand zwischen 1993 und 2014 um 43 Prozent zurückgegangen. Für 2023 schätzt die IUCN die Zahl der erwachsenen und halbwüchsigen Löwen auf rund 23.000, mit erheblichen Unsicherheiten. Die westafrikanische Population gilt sogar als vom Aussterben bedroht.
Die Hauptgründe sind der Verlust von Lebensraum, Konflikte mit Viehhaltern und der Rückgang der Beutetiere. Zoos tragen über Zuchtprogramme zum Erhalt der Art bei und sind für viele Menschen die einzige Gelegenheit, einen Löwen mit eigenen Augen zu sehen.
Übrigens: Den „Angola-Löwen“, als der Malik geführt wurde, gibt es in der aktuellen Systematik so nicht mehr. Seit einer Überarbeitung im Jahr 2017 werden nur noch zwei Unterarten unterschieden. Die Löwen aus dem südlichen und östlichen Afrika zählen seither zur Unterart Panthera leo melanochaita.
Mehr Katzen auf zuendy.de
Katzen waren auf diesem Blog schon öfter Thema, wenn auch eine Nummer kleiner. Ums Sehen im Dunkeln ging es in Nachts wie eine Katze sehen, und im Krieg der Katzen ging es Schwarz gegen Weiß. Wer es ruhiger mag, findet bei den Enten im Park mehr Entspannung als bei jedem Löwen.
Mein Fazit
Mein brüllender Löwe war ein gähnender Löwe, und ehrlich gesagt mag ich die Geschichte dadurch nur noch mehr. Dass Gähnen bei Löwen ansteckt und das Rudel synchronisiert, erklärt im Nachhinein auch meine eigene Laune an diesem Tag. Schade, dass der Chemnitzer Tierpark keine Löwen mehr hält – die Hyänenanlage wäre für mich aber ein guter Grund für den nächsten Besuch.
Schreibe einen Kommentar