Ärgerlich ist gar kein Ausdruck: Im Dezember 2007 waren auf einen Schlag rund 50 GB Bildmaterial weg. Mein kleiner Bruder hatte Windows neu installiert und dabei das falsche Laufwerk erwischt. Gelöscht, neue Partition drauf, fertig. Wie ich die Daten mit dem kostenlosen Werkzeug TestDisk zurückgeholt habe und wie du heute in so einer Lage vorgehst, steht hier.
Das Wichtigste in Kürze
- Eine gelöschte Partition ist meist nicht weg. Gelöscht wird nur der Eintrag in der Partitionstabelle, die Daten liegen noch auf der Platte.
- Das Wichtigste: Sofort aufhören, auf das Laufwerk zu schreiben.
- TestDisk findet verlorene Partitionen und schreibt die Partitionstabelle neu. Es ist kostenlos und läuft heute direkt unter Windows, Linux und macOS.
- Klappt das nicht, rettet PhotoRec einzelne Dateien, allerdings meist ohne Dateinamen und Ordner.
- Bei SSDs stehen die Chancen deutlich schlechter als bei klassischen Festplatten.
Wie es passiert ist
Der Ablauf war so simpel wie fatal:
- Windows-XP-CD rein.
- Diese Partition löschen? Ja.
- Wirklich? Jaaaaaa.
- Neue Partition erstellen? Ja.
- Unendlich lauter Schrei vom großen Bruder, der zufällig ins Zimmer kam und ein anderes Lämpchen blinken sah, als es normalerweise sollte.
Also ging die Recherche los.
Warum eine gelöschte Partition oft noch zu retten ist
Eine Festplatte hat eine Art Inhaltsverzeichnis, die Partitionstabelle. Darin steht, wo welche Partition beginnt und endet. Löschst du eine Partition, wird im Grunde nur dieser Eintrag entfernt. Die eigentlichen Daten bleiben auf der Platte liegen, bis sie überschrieben werden.
Nur eine Partition zu löschen, ist deshalb kein großes Problem. Bei mir war es aber kniffliger: Die Partition wurde gelöscht und eine neue erstellt. Damit war die alte Tabelle überschrieben, und die neue Partition zeigte auf einen leeren Bereich. Solange auf diese neue Partition aber noch nichts geschrieben wurde, sind die alten Daten darunter fast vollständig erhalten. Genau das macht sich TestDisk zunutze.
Erste Hilfe: Finger weg!
Jeder Schreibzugriff auf das betroffene Laufwerk kann alte Daten endgültig überschreiben. Also: nichts installieren, nichts speichern, nicht formatieren und kein Betriebssystem darauf weiterlaufen lassen. Das Rettungsprogramm startest du von einem anderen Laufwerk oder einem USB-Stick. Gerettete Dateien speicherst du immer auf einem anderen Datenträger. Macht die Platte merkwürdige Geräusche, schalte sie ab und wende dich an einen professionellen Datenretter.
TestDisk: damals und heute
TestDisk ist ein kostenloses Open-Source-Programm von Christophe Grenier. Es findet verlorene Partitionen, repariert Partitionstabellen und Bootsektoren und kann Dateien von FAT-, exFAT-, NTFS- und ext-Dateisystemen kopieren.
2007 war das noch ein ziemliches Gefummel. TestDisk lief bei mir nicht richtig unter der Windows-XP-Oberfläche. DOS musste her, aber woher nehmen? Dazu noch USB-Treiber für DOS suchen, und NTFS musste ja auch unterstützt werden. Meine Rettung war die Ultimate Boot CD: knapp 90 MB herunterladen, auf CD brennen, davon booten. Unter den Partition Tools war TestDisk gleich mit dabei.
Heute ist das viel einfacher. TestDisk liegt aktuell in Version 7.2 vor und läuft direkt unter Windows, Linux und macOS. Unter Windows startest du testdisk_win.exe mit Administratorrechten, eine Installation ist nicht nötig. Viele Linux-Live-Systeme für den USB-Stick bringen TestDisk außerdem gleich mit. Das ist die sauberste Lösung, wenn die Systemplatte selbst betroffen ist.
Schritt für Schritt: Partition mit TestDisk wiederherstellen
So läuft die Wiederherstellung heute ab. Bedient wird TestDisk mit Pfeiltasten und Enter:
- Log-Datei: Wähle „Create“, damit TestDisk ein Protokoll anlegt.
- Laufwerk wählen: Markiere die Festplatte mit der verlorenen Partition und bestätige mit Enter. Achte genau auf die Größe, damit du nicht schon wieder das falsche Laufwerk erwischst.
- Partitionstabellentyp: TestDisk erkennt ihn meist selbst, also einfach den Vorschlag übernehmen.
- Analyse: Wähle „Analyse“, TestDisk zeigt dir die aktuelle Partitionsstruktur.
- Quick Search: Die schnelle Suche startet. Gefundene Partitionen erscheinen in einer Liste.
- Deeper Search: Findet die schnelle Suche nichts Passendes, wähle „Deeper Search“. Das dauert deutlich länger, findet aber mehr. Genau an dieser Stelle hatte ich 2007 erst einen Schreck, weil zunächst nichts gefunden wurde. Erst die tiefere Suche hat die alte Partition aufgespürt.
- Vorschau: Markiere die gefundene Partition und drücke P. Siehst du deine Ordner und Dateien, bist du richtig. Mit Q geht es zurück.
- Partition markieren: Mit den Pfeiltasten links und rechts stellst du die Partition auf „P“ für primär oder „L“ für logisch. Bestätige mit Enter.
- Write: Erst wenn alles stimmt, wähle „Write“ und bestätige mit Y.
- Neustart: Starte den Rechner neu. Danach sollte die alte Partition wieder da sein.
Bei mir lief die Festplatte danach tatsächlich wieder. Puh – und alle hatten gesagt, die Daten seien verloren.
Erst sichern, dann schreiben
Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, kopierst du vor dem Schritt „Write“ die wichtigsten Dateien heraus. TestDisk kann in der Dateivorschau einzelne Dateien und Ordner auf ein anderes Laufwerk kopieren. Bei einer Festplatte, die schon Lesefehler zeigt, lohnt es sich sogar, zuerst ein komplettes Abbild zu erstellen und nur mit diesem Abbild zu arbeiten.
Wenn TestDisk nicht hilft: PhotoRec
Manchmal ist die Partitionsstruktur zu stark beschädigt, oder die neue Partition wurde schon formatiert und benutzt. Dann kommt PhotoRec ins Spiel, das im selben Paket wie TestDisk steckt.
PhotoRec ignoriert das Dateisystem und durchsucht die Platte Sektor für Sektor nach bekannten Dateisignaturen, etwa den typischen Anfängen von JPEG-, PDF- oder Office-Dateien. Das funktioniert erstaunlich gut, hat aber einen Haken: Dateinamen und Ordnerstruktur gehen dabei meist verloren. Du bekommst also Tausende Dateien mit Namen wie f1234567.jpg und darfst danach sortieren. Bei Fotos helfen dabei die EXIF-Daten mit Aufnahmedatum.
Festplatte oder SSD: Wie stehen die Chancen?
Bei einer klassischen Festplatte bleiben gelöschte Daten liegen, bis etwas Neues darüber geschrieben wird. Bei SSDs sieht es deutlich schlechter aus. Über die TRIM-Funktion teilt das Betriebssystem der SSD mit, welche Bereiche nicht mehr gebraucht werden, und die SSD leert diese Bereiche oft sehr schnell tatsächlich. Nach dem Löschen oder Formatieren einer Partition auf einer SSD ist eine Rettung deshalb häufig nicht mehr möglich. Versuchen solltest du es trotzdem, und zwar so schnell wie möglich.
Damit es gar nicht erst passiert
Die beste Datenrettung ist die, die du nie brauchst:
- Backups nach der 3-2-1-Regel: drei Kopien deiner Daten, auf zwei verschiedenen Medien, eine davon an einem anderen Ort oder in der Cloud.
- Datenplatten abklemmen: Bevor du ein Betriebssystem neu installierst, trenne alle Laufwerke, die nicht betroffen sein sollen. Dann kann niemand das falsche erwischen.
- Laufwerke eindeutig benennen: Ein sprechender Name wie „Fotos“ hilft im Installationsdialog, wo oft nur Größen und Nummern stehen.
- Zweimal hinschauen: Jeder Dialog, der „löschen“ oder „formatieren“ sagt, verdient einen zweiten Blick.
Gerade Fotos sind unersetzlich. Ich habe damals viel fotografiert, von HDR-Aufnahmen bis zu Makros, und genau solche Bilder bekommst du kein zweites Mal.
Häufige Fragen
Kann man eine gelöschte Partition wiederherstellen?
In den meisten Fällen ja, solange danach nicht viel auf das Laufwerk geschrieben wurde. TestDisk sucht nach den Spuren der alten Partition und trägt sie wieder in die Partitionstabelle ein.
Ist TestDisk kostenlos?
Ja. TestDisk und PhotoRec sind Open-Source-Software unter der GNU General Public License und kosten nichts.
Was ist der Unterschied zwischen TestDisk und PhotoRec?
TestDisk stellt Partitionen und Dateisysteme wieder her, also im besten Fall alles samt Ordnern und Dateinamen. PhotoRec rettet einzelne Dateien anhand ihres Inhalts, auch wenn das Dateisystem zerstört ist, meist aber ohne Namen und Ordner.
Funktioniert das auch bei SSDs?
Manchmal, aber die Chancen sind deutlich schlechter als bei Festplatten, weil TRIM gelöschte Bereiche oft schnell endgültig leert. Handle deshalb sofort und schreib nichts mehr auf die SSD.
Mein Fazit
Damals galten die 50 GB schon als verloren, und TestDisk hat sie zurückgeholt. Heute ist das Werkzeug noch einfacher zu benutzen, weil es direkt unter Windows läuft. Mein wichtigster Rat bleibt aber: Mach Backups, dann ist auch der kleine Bruder am Installations-Dialog kein Weltuntergang.
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