Makro Reloaded

140 Fehlversuche, eine getarnte Heuschrecke und eine hässliche Stubenfliege: meine zweite Makro-Runde – plus Tipps, wie dir Insektenfotos besser gelingen.

4–6 Minuten

Angespornt von meinem missglückten Schwebfliegen-Versuch auf der Modenschau wagte ich mich Ende Juli 2008 in die unendlichen Weiten der Natur – quasi auf die Wiese hinterm Haus. Bewaffnet war ich mit einer Sony F828 und einem Makroaufsatz. Diesmal sollte mir das Jägerglück hold sein, und ich wollte punktgenau auslösen. Nach rund 140 unglücklichen und ein paar glücklicheren Bildern blieben am Ende drei übrig.

Die Ausbeute: drei Tiere, drei Geschichten

Die Heuschrecke. Sie hatte sich farblich perfekt an das Gras angepasst. Hätte sie nicht so einen Krach gemacht, wäre sie mir nie aufgefallen. Und genau das ist ein guter Tipp für die Suche: Heuschrecken verraten sich durch ihr Zirpen. Kurzfühlerschrecken wie der Grashüpfer reiben dafür ihre Hinterbeine an den Flügeln, Langfühlerschrecken wie das Heupferd reiben die Flügel aneinander.

Die Schwebfliege. Mein Problemkind. Auch diesmal hat es nicht ganz gereicht. Irgendwann bekomme ich dich noch scharf!

Die Stubenfliege. Die ganz gewöhnliche Haus- und Stubenfliege. Das war der Moment, in dem ich festgestellt habe, wie hässlich diese Fliegen eigentlich sind. Borsten, riesige Facettenaugen, der Rüssel – aus der Nähe sieht so eine Fliege aus wie ein Monster aus einem Science-Fiction-Film. Genau das macht Makrofotografie aber so faszinierend: Du siehst Dinge, die dir sonst verborgen bleiben.

140 Bilder für drei Treffer – ist das normal?

Ja, absolut. Bei Insekten ist eine Trefferquote im einstelligen Prozentbereich völlig normal, gerade am Anfang. Die Tiere bewegen sich, der Wind schaukelt die Halme, und der scharfe Bereich ist nur wenige Millimeter tief. Profis lösen genauso oft aus, sie sortieren nur gnadenlos aus.

Dass ich am Ende noch einmal selektiert habe, war also genau richtig. Bei 140 Bildern lohnt es sich, erst grob alles Unscharfe zu löschen und dann aus dem Rest die besten auszuwählen. Zeig lieber drei richtig gute Bilder als zwanzig mittelmäßige.

Die Kamera: Sony F828 mit Makroaufsatz

Die Sony DSC-F828 kam 2003 auf den Markt und war eine sogenannte Bridgekamera, also irgendwo zwischen Kompaktkamera und Spiegelreflex. Sie hatte 8 Megapixel und ein festes Carl-Zeiss-Zoomobjektiv mit 28 bis 200 Millimetern Kleinbildäquivalent. Wechselobjektive gab es nicht, deshalb kam für Makros ein Aufsatz vors Objektiv.

So ein Makroaufsatz ist im Prinzip eine Nahlinse: eine Sammellinse, die wie eine Lupe wirkt und die Naheinstellgrenze verkürzt. Das ist günstig und leicht, kostet aber etwas Bildqualität am Rand. Und du musst sehr nah ran – was bei scheuen Insekten nicht immer gut ankommt.

Tipps für bessere Insektenfotos

  1. Früh aufstehen. Insekten sind wechselwarm. Morgens, wenn es noch kühl ist, sitzen sie träge auf Halmen und Blüten und lassen dich näher heran. Mit etwas Glück trägt die Heuschrecke dann sogar noch Tautropfen.
  2. Langsam bewegen. Hektische Bewegungen und dein Schatten auf dem Tier verscheuchen es sofort.
  3. Manuell scharfstellen durch Bewegung. Stell den Fokus auf die kürzeste Distanz und bewege dich mit der ganzen Kamera langsam vor und zurück, bis das Motiv scharf ist. Das ist im Nahbereich oft schneller als jeder Autofokus.
  4. Die Augen müssen sitzen. Wie bei jedem Porträt gilt: Sind die Augen scharf, wirkt das Bild scharf.
  5. Auf Augenhöhe gehen. Fotografiere nicht von oben herab, sondern aus der Perspektive des Insekts. Das wirkt viel lebendiger. Diese „Bienenperspektive“ hatte mich damals bei fokussiert begeistert.
  6. Hintergrund prüfen. Ein ruhiger, gleichmäßiger Hintergrund lässt das Tier wirken. Schon ein paar Zentimeter seitlich verändern ihn komplett.

Fokus-Stacking: Schärfe Schicht für Schicht

Das Problem mit der geringen Schärfentiefe hat heute eine elegante Lösung. Beim Fokus-Stacking nimmst du mehrere Bilder mit leicht verschobenem Fokus auf und lässt eine Software die jeweils scharfen Bereiche zusammensetzen. Viele aktuelle Kameras haben dafür eine eingebaute Fokus-Bracketing-Funktion. Für sitzende Insekten am frühen Morgen ist das ideal, bei fliegenden klappt es naturgemäß nicht.

Libellen: das nächste Ziel

Eine Libelle musste damals auch noch in mein Archiv, so viel stand fest. Bei foto-genuss hatte ich eine gesehen, die mich nicht mehr losließ. Libellen sind dabei gar nicht so schwer, wie man denkt: Viele Arten fliegen immer wieder dieselbe Sitzwarte an, etwa einen bestimmten Halm am Teich. Wenn du einen solchen Lieblingsplatz entdeckst, richte dich dort ein und warte. Sie kommt fast immer zurück.

Rücksicht auf die Motive

Lass die Tiere, wo und wie sie sind. Tricks wie Insekten zu kühlen, damit sie stillhalten, schaden ihnen und haben in der Naturfotografie nichts verloren. In Naturschutzgebieten gilt außerdem: Wege nicht verlassen und nichts zertrampeln. Viele Libellenarten stehen unter besonderem Schutz.

Makro heute: Was hat sich geändert?

Die größte Veränderung ist das Smartphone. Viele aktuelle Handys haben einen eigenen Makromodus und stellen auf wenige Zentimeter scharf. Für den Einstieg reicht das völlig, und du hast es immer dabei. Ansteckbare Makrolinsen gibt es für wenig Geld.

Wer tiefer einsteigen will, greift zu einem echten Makroobjektiv mit Abbildungsmaßstab 1:1 und einem Blitz mit Diffusor. Das Prinzip bleibt aber dasselbe wie 2008 auf meiner Wiese: nah ran, Geduld haben, viel auslösen und gnadenlos aussortieren. Und manchmal ist das beste Motiv eben nicht das, das man sucht. Wie viel Aufwand man für ein einziges Foto treiben kann, habe ich kurz darauf in Was tut man nicht alles für ein gutes Foto? erlebt.

Mein Fazit

Drei brauchbare Bilder aus 140 Versuchen klingen wenig, waren für mich damals aber ein echter Fortschritt. Mein Makrotraining habe ich mir fest vorgenommen, und die Schwebfliege blieb mein Endgegner. Wenn du anfangen willst: Nimm dir einen frühen Sommermorgen, eine Wiese und viel Geduld – die Technik ist dabei fast zweitrangig.

Kommentare

2 Kommentare zu „Makro Reloaded“

  1. Avatar von Oliver

    Insekcten sind wirklich ein lohnendes Ziel. Ich mache auch gerne solche Fotos. Ich finde deine schon sehr gelungen. Mach auf jeden Fall weiter.

  2. […] Aber was mit einem Objektiv im Standartbereich (28-70mm) möglich ist sieht man auf den Fotos. Ich sag mal so viel zu Größe der Falter auf dem Foto, wenn man das Foto auf tatsächlicher Größe anschaut, ist der Schmetterling gut Bildschirmfüllend. Und das bei einer Bildschirmauflösung von 1600×1200 px. Da machen sich die 12 Megapixel der Nikon D300 schon bemerkbar und bezahlt im Vergleich zu den 8Mpx der F828. […]

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