Fünf Leute, jeder für sich ziemlich vernünftig, setzen sich an einen Tisch – und heraus kommt eine Entscheidung, die keiner von ihnen allein so getroffen hätte. Das kennst du aus dem Job, aus dem Verein oder spätestens vom WG-Treffen über den Putzplan. Genau mit solchen Vorgängen beschäftigt sich die Gruppendynamik. Dieser Leitfaden bündelt meine Serie dazu, die 2007 aus einem Beleg für mein Studium entstanden ist.
Auf dieser Seite bekommst du die Grundlagen. Weiter unten findest du alle elf Kapitel mit einer kurzen Beschreibung, und jedes Kapitel funktioniert auch für sich.
Was ist Gruppendynamik überhaupt?
Die Gruppendynamik untersucht, was in Gruppen von Menschen passiert: wie sie entstehen, wie sich Rollen und Regeln bilden, wie Konflikte laufen und wie Entscheidungen zustande kommen. Der Grundgedanke dahinter: Eine Gruppe hat Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich von der Summe der Eigenschaften ihrer Mitglieder unterscheiden.
Das klingt erst mal abstrakt, ist aber Alltag. Eine Fußballmannschaft voller Einzelkönner kann gegen ein eingespieltes Team ohne Stars verlieren. Eine Schulklasse kann als Ganzes „schwierig“ sein, obwohl jedes Kind einzeln ganz umgänglich ist. Und eine WG kann eine Stimmung entwickeln, die keiner der Bewohner allein mitgebracht hat.
Der Begriff hat dabei zwei Bedeutungen, die man auseinanderhalten sollte:
- Gruppendynamik als Geschehen: die Prozesse selbst, also das, was zwischen den Leuten abläuft.
- Gruppendynamik als Fach und Methode: die Forschung darüber und die Trainings, in denen man diese Prozesse bewusst erlebt und reflektiert.
Alle Kapitel im Überblick
Gruppendynamik beschäftigt sich mit der Frage, was in Gruppen von Menschen passiert: wie sie entstehen, wie sich Rollen und Regeln bilden, wie Konflikte ablaufen und wie eine Gruppe die Meinung und das Verhalten jedes Einzelnen formt. Das klingt nach Hörsaal, begegnet dir aber überall – im Team, im Verein, in der WG und in der Schulklasse.
Die Serie ist so aufgebaut, dass du sie von vorn nach hinten lesen kannst, jeder Teil aber auch für sich funktioniert. Inzwischen sind zu den Inhalten von damals einige Klassiker der Gruppenforschung dazugekommen, etwa Tuckmans Phasenmodell, die Rangdynamik nach Raoul Schindler, das Konformitätsexperiment von Asch und das Gruppendenken nach Irving Janis.
Grundlagen
- Die Gruppe in der Gruppendynamik: Ab wann eine Ansammlung von Menschen eine Gruppe ist und welche Rolle das Wir-Gefühl dabei spielt.
- Struktur einer Gruppe: Wie Macht, Status und Rollen eine unsichtbare Ordnung bilden und was Gruppenkohäsion bedeutet.
- Gruppenarten und ihre Bedeutungen: Formelle und informelle Gruppen, Primär- und Sekundärgruppen im Vergleich, mit vielen Beispielen.
Wie Gruppen entstehen und sich entwickeln
- Regeln der Gruppenbildung: Die drei Regeln Interaktion, Angleichung und Distanzierung und das berühmte Ferienlager-Experiment.
- Die einzelnen Phasen einer Gruppe: Von der Fremdheit bis zum Abschied, verglichen mit Tuckmans Forming, Storming, Norming und Performing.
- Rollen innerhalb einer Gruppe: Anführer, Beliebte, Tüchtige, Mitläufer, Opponent und Sündenbock, ergänzt um Schindlers Rangdynamik.
Was Gruppen mit dem Einzelnen machen
- Handeln und Verhalten einer Gruppe: Gruppenzwang erklärt an den Experimenten von Sherif und Asch, mit Tipps gegen Anpassungsdruck.
- Kollektive Bedeutsamkeiten: Was es verrät, wenn eine Gruppe gemeinsam lacht oder schweigt, und wie Trainingsgruppen funktionieren.
- Wirkung des Nebeneinanders: Warum Gesellschaft mal beflügelt und mal lähmt, von Triplett über Zajonc bis zum sozialen Faulenzen.
- Ursache und Wirkung: Warum sich in Gruppen alle gegenseitig beeinflussen und warum auch Nichtstun etwas bewirkt.
- Vereinheitlichung der Meinung: Wie Gruppen zu einer gemeinsamen Meinung kommen, sich dabei spalten oder radikalisieren, und was gegen Groupthink hilft.
Wo du anfangen solltest
Wenn du nur wenig Zeit hast, lies diese Einführung, die Phasen und den Teil über Gruppenzwang. Damit hast du die wichtigsten Grundlagen beisammen und verstehst schon eine Menge von dem, was in deinem Team oder Verein vor sich geht.
Wo kommt die Gruppendynamik her?
Die Wurzeln liegen in der experimentellen Kleingruppenforschung der 1930er- und 1940er-Jahre. Als Begründer gilt Kurt Lewin (1890–1947), ein Psychologe aus der Berliner Schule der Gestaltpsychologie, der 1933 in die USA emigrierte. Von der Gestaltpsychologie stammt auch der Gedanke, dass das Ganze etwas anderes ist als die Summe seiner Teile – genau das, was oben über Gruppen steht.
Lewin verwendete den Begriff „Gruppendynamik“ ab 1939 in seinen Veröffentlichungen. Ganz allein war er damit nicht: Jacob Levy Moreno, der Erfinder der Soziometrie, benutzte ihn schon ein Jahr früher. 1945 gründete Lewin am MIT das Research Center for Group Dynamics.
Lewins Formel
Lewin fasste seine Feldtheorie in eine knappe Formel: V = f(P, U). Verhalten ist eine Funktion von Person und Umwelt. Wie sich jemand verhält, hängt also nicht nur von seinem Charakter ab, sondern immer auch von der Situation – und dazu gehört vor allem die Gruppe, in der er gerade steckt.
Das Experiment mit den Führungsstilen
Bekannt geworden ist eine Studie, die Lewin Ende der 1930er-Jahre mit Ronald Lippitt und Ralph White durchführte. Sie ließen Gruppen von Kindern unter Leitern mit unterschiedlichem Stil basteln: autoritär (der Leiter bestimmt alles), demokratisch (die Gruppe entscheidet mit Unterstützung des Leiters) und laissez-faire (der Leiter hält sich raus).
Das Ergebnis taucht bis heute in vielen Führungskräfteschulungen auf: In den autoritär geführten Gruppen gab es mehr Feindseligkeit oder Teilnahmslosigkeit, und sobald der Leiter den Raum verließ, sackte die Arbeit ab. Die demokratisch geführten Gruppen arbeiteten auch ohne Aufsicht weiter und gingen freundlicher miteinander um. Laissez-faire schnitt am schlechtesten ab.
Die Entdeckung des Feedbacks
1946 leitete Lewin in Connecticut einen Workshop, aus dem eher zufällig eine neue Methode entstand: Die Teilnehmer saßen abends bei den Auswertungsrunden der Forscher mit und diskutierten, wie sie selbst das Geschehen erlebt hatten. Dieses gegenseitige Rückmelden erwies sich als äußerst lehrreich. Daraus entstanden die Trainingsgruppen, und 1947 – im Jahr von Lewins Tod – wurden in Bethel (Maine) die National Training Laboratories gegründet.
Wo wird Gruppendynamik heute eingesetzt?
Gruppendynamische Verfahren findest du in vielen Berufsfeldern: in der Pädagogik und Erwachsenenbildung, in der Sozialarbeit, in Wirtschaft und Politik, in Beratung und Therapie. Sie dienen dazu,
- soziale Kompetenzen zu erwerben, also etwa Konflikte anzusprechen oder Rückmeldungen zu geben,
- Gruppen und Teams zu entwickeln und arbeitsfähig zu machen,
- und die Prozesse zwischen Menschen in Gruppen zu erforschen.
Ganz praktisch steckt Gruppendynamik in jeder Teamentwicklung im Betrieb, in der Arbeit von Lehrkräften mit einer neuen Klasse, in Supervision und Mediation oder in der Ausbildung von Trainern im Jugendverband. Im deutschsprachigen Raum gibt es dafür eigene Fachgesellschaften. In Deutschland ist das die Deutsche Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsdynamik (DGGO), die 2007 aus der Sektion Gruppendynamik im DAGG hervorgegangen ist.
Was Gruppendynamik nicht ist
Zwei Missverständnisse halten sich hartnäckig. Erstens: Gruppendynamik ist kein Sammelbegriff für Kennenlernspiele, Vertrauensübungen und Floßbau beim Firmenausflug. Solche Übungen können gruppendynamische Prozesse anstoßen, aber das Fach selbst beschäftigt sich mit dem, was dabei zwischen den Menschen passiert. Zweitens ist sie keine Trickkiste, um Gruppen zu manipulieren. Im Gegenteil: Wer die Mechanismen kennt, lässt sich seltener von ihnen überrollen.
Wann entsteht in einer Gruppe überhaupt Dynamik?
Nicht jede Ansammlung von Menschen entwickelt eine Dynamik. Die Leute an der Supermarktkasse beeinflussen sich kaum. Dynamik entsteht erst unter bestimmten Bedingungen: wenn Menschen direkt miteinander zu tun haben, ein Wir-Gefühl entwickeln, gemeinsame Ziele verfolgen und sich gegenseitig beeinflussen.
Um das sauber zu verstehen, muss man ein Stück in die Tiefe gehen. Deshalb nimmt sich diese Serie die einzelnen Bausteine nacheinander vor. Los geht es mit der Frage, was eine Gruppe eigentlich ausmacht. Später geht es um Struktur, Gruppenarten und Rollen, um die Phasen, die eine Gruppe durchläuft, und schließlich darum, wie Gruppen das Verhalten und die Meinungen jedes Einzelnen formen. Alle Kapitel mit einer kurzen Beschreibung findest du in der Kapitelübersicht.
Erst mal nur beobachten
Wenn du Gruppendynamik im Alltag erkennen willst, achte beim nächsten Teammeeting oder Vereinsabend auf drei Dinge: Wer redet am meisten? Auf wen hören die anderen wirklich? Und wann wird es auffällig still? Allein diese Beobachtungen verraten dir viel über die Struktur einer Gruppe.
Wie die Serie entstanden ist
Manch einer fragt sich jetzt bestimmt: Was macht der Typ hier eigentlich? Die Antwort von 2007 ist simpel: Ich musste am nächsten Tag einen Beleg für mein Studium abgeben, und das Thema war Gruppendynamik. Weil mich die Suche nach brauchbaren Grundlagen selbst immer genervt hat, habe ich das Ganze in Teilen hier veröffentlicht. Andere sollten es leichter haben und wenigstens wissen, wo sie suchen müssen.
Die Quellen von damals
Für den Beleg habe ich 2007 vor allem mit diesen Quellen gearbeitet. Wie die Liste zeigt, stammt einiges davon aus der Rhetorik – daher drehen sich übrigens viele Beispiele in der Serie um Vortragende und ihr Publikum.
- Joachim Dyck, Walter Jens, Gert Ueding: Angewandte Rhetorik. Band 16. Tübingen: Niemeyer Verlag 1995
- Manfred Beetz, Joachim Dyck, Wolfgang Neuber, Gert Ueding: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch. Band 21. Tübingen: Niemeyer Verlag 1995
- Peter R. Hofstätter: Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1990
- DIHT-Gesellschaft: IHK-Weiterbildung. Grundlagen der Zusammenarbeit im Betrieb. Bielefeld: Bertelsmann, 1. Auflage 1997
- Jürgen Christen, Oliver König, Karl Schattenhofer: Angewandte Gruppendynamik und die Sektion Gruppendynamik im DAGG. Göttingen: Hogrefe 1998
- Raymond Battegay, Helmut Enke, Hans Strotzka: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001
- Werner Stangl: Arbeitsblätter zu Präsentation und Rhetoriktraining
Wenn du heute einen schnellen und seriösen Einstieg suchst, ist der Wikipedia-Artikel zur Gruppendynamik ein guter Startpunkt. Von dort aus kommst du zu den Klassikern wie Lewin, Schindler oder Tuckman.
Mein Fazit
Gruppendynamik klingt nach Seminarraum und Flipchart, ist aber eines der praktischsten Themen überhaupt. Wer einmal verstanden hat, dass eine Gruppe mehr ist als die Leute darin, schaut mit anderen Augen auf Teammeetings, Elternabende und WG-Küchen. Ich finde, ein Grundverständnis davon sollte eigentlich jeder mitbekommen, der mit anderen Menschen zusammenarbeitet – also so ziemlich jeder.