HDR-Bilder selbst gemacht

Drei Belichtungen, ein Pilz und ein Programm namens Qtpfsgui: So sah 2007 mein erstes HDR aus – und so funktionieren Belichtungsreihe und Tonemapping heute.

8–12 Minuten

Im September 2007 hatte ich zum ersten Mal etwas über HDR-Bilder gelesen, und sofort war klar: Ich will auch eins. Mein allererstes Versuchsobjekt war ein Pilz, und ganz ehrlich, „HDR-Pilz“ klingt schon irgendwie komisch. Hier erzähle ich, wie das damals lief, was hinter HDR steckt und warum dein Smartphone das heute ganz nebenbei erledigt.

Was bedeutet HDR eigentlich?

HDR steht für High Dynamic Range, also einen hohen Dynamik- oder Kontrastumfang. Gemeint ist der Abstand zwischen dem hellsten und dem dunkelsten Punkt, den ein Bild noch mit Zeichnung darstellen kann. Dein Auge schafft es problemlos, gleichzeitig in einen hellen Himmel und in einen schattigen Hauseingang zu schauen. Ein Kamerasensor kann das nicht – vor allem einer von 2007. Entweder ist der Himmel weiß ausgefressen oder der Schatten säuft ins Schwarze ab.

Damals hatte ich geschrieben, ein HDR-Bild solle „ein optimales Bild in Sachen Schärfe und Kontrast“ liefern. Mit Schärfe hat HDR allerdings wenig zu tun. Es geht ausschließlich darum, in hellen und dunklen Bereichen gleichzeitig Details zu zeigen.

Die klassische Methode: drei Bilder, ein Ergebnis

Mein Rezept war das Standardrezept, das bis heute funktioniert:

  1. Ein Bild unterbelichtet – darin bleiben die hellen Bereiche wie Himmel oder Lampen erhalten.
  2. Ein Bild normal belichtet – die Basis.
  3. Ein Bild überbelichtet – darin bekommen die Schatten Zeichnung.
  4. Alle drei werden per Software zu einer Datei mit riesigem Dynamikumfang verrechnet.

Die drei Aufnahmen nennt man Belichtungsreihe (englisch Bracketing). Üblich sind Abstände von ein bis zwei Blendenstufen, also zum Beispiel −2, 0 und +2 EV. Bei sehr kontrastreichen Motiven nimmt man auch fünf oder mehr Bilder. Wichtig ist, dass sich zwischen den Aufnahmen nichts bewegt – weder die Kamera noch das Motiv. Genau daran hakte es beim Pilz noch, mehr dazu im zweiten Versuch am Mittweidaer Wasserturm.

Tonemapping: der Schritt, der den Look macht

Die zusammengerechnete HDR-Datei hat einen Haken: Kein normaler Monitor und kein Fotodruck konnte sie damals darstellen. Deshalb folgt das Tonemapping. Ein Algorithmus quetscht den riesigen Kontrastumfang wieder in ein ganz normales JPEG, und zwar so, dass Lichter und Schatten sichtbar bleiben.

Dafür gibt es unterschiedliche Verfahren, sogenannte Operatoren. Manche arbeiten global und behandeln das ganze Bild gleich, das sieht eher natürlich aus. Andere arbeiten lokal und heben Kontraste an jeder Stelle einzeln an. Daher kommt der typische HDR-Look der späten 2000er: knallige Farben, dramatische Wolken, Häuser wie aus einem Comic. Damals fanden wir das großartig, heute wirkt es schnell überzogen.

Qtpfsgui – Wahnsinnsname, gutes Werkzeug

Das Tool, mit dem ich gearbeitet habe, hieß „Qtpfsgui“. Ein Wahnsinnsname, oder? Der Name stand für eine grafische Oberfläche (GUI), gebaut mit dem Toolkit Qt, für die HDR-Werkzeugsammlung pfstools. Logisch – merken konnte sich das trotzdem niemand.

Die Entwickler haben das wohl ähnlich gesehen: Das Programm heißt heute Luminance HDR. Es ist weiterhin kostenlos, quelloffen und für Windows, macOS und Linux erhältlich. Allzu viel tut sich dort allerdings nicht mehr, die letzte größere Version 2.6.0 erschien 2019. Zum Ausprobieren und Verstehen der verschiedenen Tonemapping-Operatoren taugt es aber nach wie vor prima.

Was HDR heute noch bedeutet

Inzwischen hat „HDR“ eine zweite Bedeutung bekommen. Viele Smartphones, Monitore und Fernseher können helle Bildbereiche tatsächlich heller darstellen als früher. Aktuelle Smartphones speichern Fotos deshalb oft mit einer Zusatzinformation, der sogenannten Gain Map, bei Android unter dem Namen „Ultra HDR“. Auf einem HDR-fähigen Display leuchtet der Himmel dann wirklich, auf älteren Geräten siehst du ein normales Bild. Das ist also das Gegenteil vom alten Tonemapping: Der Kontrast wird nicht mehr zusammengequetscht, sondern ausgespielt.

Praxis 1: der Wasserturm in Mittweida

Mein erster HDR-Versuch mit einem Pilz gefiel mir nicht so recht. Ein besseres Motiv musste her, eins, das nicht nach Waldboden aussieht: der Mittweidaer Wasserturm. Schnell noch ein Stativ besorgt und hin.

Warum gerade der Wasserturm?

Ein Wasserturm ist für HDR-Versuche fast ideal. Er steht still, hat Struktur im Mauerwerk und ragt in den Himmel, also genau dorthin, wo der Kontrast zwischen hellem Hintergrund und schattiger Fassade am größten ist. Dazu kommt: Er läuft nicht weg, du kannst dir also Zeit lassen.

Der Mittweidaer Wasserturm wurde 1896/97 zusammen mit dem Wasserwerk gebaut und gehört bis heute zur Wasserversorgung der Stadt. Ein Baudenkmal, das noch seinen Job macht – das gefällt mir als Bastler ohnehin.

Drei Bilder vom selben Motiv

Für das HDR habe ich, wie beim Pilz, drei Aufnahmen gemacht: eine normal belichtete, eine dunkle und eine helle. Ursprünglich hatte ich nur das normale Original im Blog gezeigt. Auf Wunsch von VIN habe ich dann die beiden anderen nachgereicht, damit man sieht, woraus das Ergebnis eigentlich entsteht.

Genau das ist der Witz an der Sache: Kein einzelnes Bild der Reihe sieht für sich gut aus. Das dunkle rettet den Himmel, das helle die Schatten, das mittlere liefert die Basis. Erst zusammen ergeben sie ein Bild, das so keine Kamera auf einmal aufnehmen konnte. Und als Vergleich dann das fertige HDR: Das sah schon mal krass aus, fand ich damals.

So nimmst du eine Belichtungsreihe sauber auf

Der Pilz hat mir gezeigt, was schiefgehen kann. Beim Wasserturm lief es besser, und diese Punkte sind bis heute die halbe Miete:

  1. Stativ verwenden. Die drei Bilder müssen deckungsgleich sein. Aus der Hand verschiebt sich das Motiv, und die Software muss raten.
  2. Blende festhalten. Nutze die Zeitautomatik (A oder Av) oder den manuellen Modus. Ändern soll sich nur die Belichtungszeit, sonst variiert die Schärfentiefe zwischen den Bildern.
  3. ISO, Fokus und Weißabgleich fixieren. Sonst sieht jedes Bild ein wenig anders aus. Am einfachsten stellst du den Fokus nach dem ersten Scharfstellen auf manuell.
  4. Automatische Belichtungsreihe nutzen. Fast jede Kamera hat dafür eine Funktion (AEB). Typisch sind −2, 0 und +2 EV.
  5. Selbstauslöser oder Fernauslöser. Schon das Drücken des Auslösers kann ein leichtes Stativ zum Wackeln bringen.
  6. In RAW fotografieren, wenn deine Kamera das kann. Dann hast du später mehr Spielraum.

Geisterbilder: der natürliche Feind des HDR

Alles, was sich zwischen den Aufnahmen bewegt, taucht im fertigen Bild mehrfach oder halb durchsichtig auf: ziehende Wolken, Blätter im Wind, Spaziergänger, Autos. Viele HDR-Programme haben inzwischen eine Funktion zum Entfernen solcher Geister (Deghosting). Noch besser ist es, möglichst schnell hintereinander auszulösen und bewegte Elemente im Bildaufbau zu meiden.

Praxis 2: das Schloss in Colditz

Im September 2007 wollte ich noch einmal ein richtig schönes Motiv finden. Gefunden habe ich es direkt vor der Haustür meiner Kindheit: das Colditzer Schloss.

Ein Schloss mit Ausbrecher-Geschichte

Damals habe ich nur kurz angerissen, dass das Schloss im Zweiten Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager war und die Gefangenen sich einen Sport daraus machten, immer und immer wieder auszubrechen. „Ist ja auch irgendwie verständlich“, schrieb ich – und dann: „Aber darum soll es hier ja nun nicht gehen.“ Ein bisschen mehr Hintergrund hat das Schloss aber verdient.

Ab Oktober 1939 war Schloss Colditz das Oflag IV-C, ein Lager für kriegsgefangene Offiziere. Dazu kamen einige Mannschaftsdienstgrade, die als Ordonnanzen für die Offiziere arbeiteten. Nach und nach landeten dort vor allem Offiziere, die in anderen Lagern schon Fluchtversuche hinter sich hatten – Polen, Briten, Franzosen, Niederländer, Belgier und ab 1944 auch Amerikaner. Das Schloss galt als ausbruchssicher, war es aber nicht. Je nach Quelle gelangen zwischen 30 und 36 Männern erfolgreiche Fluchten. Auf dem Dachboden bauten britische Gefangene sogar heimlich ein Segelflugzeug, den „Colditz Glider“. Am 16. April 1945 befreiten US-Truppen das Lager.

Die Geschichte des Schlosses ist aber viel länger und nicht immer so abenteuerlich. Ab 1829 war es eine Heil- und Pflegeanstalt, 1933/34 nutzten die Nationalsozialisten es als eines der frühen Konzentrationslager. Zu DDR-Zeiten war ein Krankenhaus darin untergebracht. Heute gehört es zu den Staatlichen Schlössern, Burgen und Gärten Sachsens, beherbergt seit 2007 eine Jugendherberge, die Landesmusikakademie Sachsen und ein Museum, das seit 2024 eine neue Dauerausstellung zeigt. Mehr dazu findest du im Wikipedia-Artikel zu Schloss Colditz.

Warum Schlösser so schwierige Motive sind

Ein Schloss auf einem Hügel ist ein klassischer Kontrastfall. Der Himmel dahinter ist hell, die Fassade liegt je nach Tageszeit teils im Schatten, und in Innenhöfen oder Torbögen wird es richtig dunkel. Eine einzelne Aufnahme muss sich entscheiden: Entweder der Himmel hat Zeichnung oder die dunklen Ecken.

Genau dafür hatte ich mir damals die HDR-Technik angeeignet. Mit einer Belichtungsreihe vom Stativ bekommst du beides in ein Bild. Wie das im Detail funktioniert, steht oben beim Wasserturm.

Tipps für Burgen und Schlösser

  • Tageszeit wählen. Morgens oder am späten Nachmittag steht die Sonne tief, die Fassade bekommt Struktur und der Himmel ist weniger grell. Zur Mittagszeit wirkt alles flach.
  • Lichtrichtung beachten. Steht das Gebäude im Gegenlicht, wird es schwierig. Schau vorher nach, auf welcher Seite die Sonne zu welcher Tageszeit steht. Dafür gibt es inzwischen Apps, die den Sonnenstand für jeden Ort anzeigen.
  • Abstand halten. Aus der Nähe kippen die Linien eines hohen Gebäudes nach hinten (stürzende Linien). Mit mehr Abstand und etwas Tele bleiben Türme senkrecht. Kleine Korrekturen gehen heute auch nachträglich in jeder Bildbearbeitung.
  • Vordergrund nutzen. Dächer der Altstadt, ein Fluss oder ein Weg führen den Blick zum Schloss und geben dem Bild Tiefe.
  • Wolken einplanen. Ein strahlend blauer Himmel ist für HDR fast langweilig. Lockere Wolken geben Struktur, ziehen aber auch – dann musst du schnell auslösen.

Die häufigsten HDR-Fehler bei Gebäuden

Helle Säume (Halos) um Türme und Dachkanten, grauer statt blauer Himmel, übertriebene Sättigung und Rauschen in den Schatten. Wenn dein Ergebnis aussieht wie ein Computerspiel, nimm die Regler für Detail und Sättigung deutlich zurück. Weniger ist bei Architektur fast immer mehr.

Colditz und ich

Für mich war das Schloss damals mehr als nur ein Motiv. Colditz ist meine alte Heimat. Wie es mich ein Jahr später auch noch ins verlassene Porzellanwerk verschlagen hat, erzähle ich in Das Colditzer Porzellanwerk und ich.

HDR heute: Das Smartphone macht es automatisch

Was ich 2007 mühsam mit Stativ, drei Aufnahmen und Software gebastelt habe, erledigt heute jedes Smartphone im Bruchteil einer Sekunde. Apple brachte 2010 mit dem iPhone 4 einen HDR-Modus, der drei Belichtungen kombinierte. Google ging mit HDR+ einen anderen Weg: Statt unterschiedlich belichteter Bilder nimmt das Handy eine schnelle Serie knapp belichteter Fotos auf, richtet sie aneinander aus und verrechnet sie. Das reduziert gleichzeitig das Rauschen und verzeiht auch ein wenig Wackeln.

Inzwischen ist dieses „Computational Photography“ bei praktisch allen Smartphones Standard und läuft automatisch im Hintergrund. Du musst nichts einstellen, um im Gegenlicht noch Gesichter und Himmel auf einem Foto zu haben.

Lohnt sich die klassische Belichtungsreihe noch?

Ja, wenn du maximale Qualität willst oder dein Motiv extrem kontrastreich ist. Mit einer System- oder Spiegelreflexkamera, Stativ und RAW-Dateien holst du immer noch mehr heraus als jedes Handy. Programme wie Lightroom können Belichtungsreihen direkt zu einer HDR-Rohdatei zusammenfügen, die du danach ganz normal bearbeitest. Der Vorteil: Das Ergebnis bleibt natürlich, wenn du es so willst.

Wie es nach dem Pilz weiterging, steht weiter oben: Erst kam der Wasserturm, dann das Colditzer Schloss in HDR. Wer damals noch tiefer in Bildtricks eintauchen wollte, wurde bei den Parallelblick- und Kreuzblick-3D-Bildern fündig.

Gute Motive für deine erste Belichtungsreihe

  • Innenräume mit hellem Fenster
  • Sonnenuntergänge mit Vordergrund
  • Gebäude im Gegenlicht
  • Kirchen und Gewölbe mit wenig Licht und hellen Fenstern

Ein Pilz im Wald geht natürlich auch – aber bei wenig Kontrast bringt HDR kaum etwas, das musste ich selbst erst lernen.

Mein Fazit

Der HDR-Pilz war technisch kein Meisterwerk, aber er hat mich angefixt. Heute würde ich für ein natürliches Ergebnis eher Belichtungsreihen in Lightroom verrechnen oder schlicht dem Smartphone vertrauen. Wer verstehen will, was da im Hintergrund passiert, sollte aber mindestens einmal selbst drei Bilder von Hand zusammenbauen.

Kommentare

13 Kommentare zu „HDR-Bilder selbst gemacht“

  1. Avatar von vin
    vin

    Das HDR-Fieber hat mich auch gepackt. Ich hab bisher mit einer Testversion von Photomatix gearbeitet, werd jetzt aber auch auf das von dir besagte Programm umsteigen. Ich weiß auch nicht was sich die Entwickler bei dem namen gedacht haben, aber vielleicht ist es Absicht. Es hat ja einen großen Wiedererkennungswert wenn man das liest… Da es so ungewöhnlich ist.

  2. Avatar von Patrick

    Man sollte nicht so viele HDR Pilze zu sich nehmen, dann bekommt man auch keinen HDR Fieber. 😉

  3. Avatar von vin
    vin

    Sieht sehr krass aus. Und obwohl es HDR ist ist es auch nichtmal zu künstlich geworden. Das Originalbild ist eigentlich auch schon toll, nur etwas zu starker grün/gelb ton

  4. Avatar von Patrick

    Das Feld ist hat nunmal gelben Boden. Und die Pflanzen sind nunmal auch Grün. 😀 In Real kam das ganze noch viel krasser! Auf das untere Bild kann man drauf klicken. Nur mal so als Anmerkung. 😉

  5. Avatar von vin
    vin

    hab ich schon rausgefunden 🙂 kann man mal alle originalbilder sehn?

  6. Avatar von Patrick

    Bilder sind eingepflegt. 😀

  7. Avatar von vin
    vin

    eine wirklich sehr schöne aufnahme! wird man hier in zukunft mehr dieser bilder sehen?

  8. Avatar von Patrick

    Eher nicht. Ist mir zu anstrengend. ^^‘

  9. Avatar von Urgixgax

    … wirklich schade… ist gut geworden, dass Colditzer Schloss!
    Los komm hab Dich mal nich so ;-).

  10. Avatar von Ulf
    Ulf

    Sieht wirklich spitze aus-ich bin auch für mehr Aufnahmen 😉

    Gruß
    Ulf

  11. Avatar von Admin

    Danke Ulf. Deine Url habe ich mal vorsorglich gelöscht! Ich mag keine Pullover die ich nur über Adsense bestelle kann….

  12. Avatar von Erwin
    Erwin

    Beschäftige mich derzeit auch mit dieser HDR-Technik:

    HDR

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