Einen hab ich noch, einen hab ich noch! Im Sommer 2008 war ich mal wieder auf der Suche nach alten Demos und bin dabei über etwas gestolpert, das mich ehrlich umgehauen hat: Guitar Hero für den guten alten Brotkasten. Für alle, die mit „Brotkasten“ nichts anfangen können: Gemeint ist der Commodore 64. Hier erfährst du, was hinter dem Projekt steckt, wie es funktioniert und was aus meinem frechen Wunsch von damals geworden ist.
Guitar Hero auf dem Brotkasten
Damals gab es zwei YouTube-Videos, in denen das Ganze in Aktion zu sehen war. Die sind inzwischen leider verschwunden. Mein Kommentar damals: einfach nur genial. Und gleich hinterher: Fehlt eigentlich nur noch Doom auf dem C64.
Kurz darauf musste ich allerdings einen kleinen Nachtrag schreiben. So brandneu, wie ich dachte, war die Sache nämlich nicht. Diverse Blogs hatten schon Monate vorher darüber berichtet. Ich war wohl doch etwas langsam. Aber nur ein klitzekleines bisschen.
Was ist Shredz64?
Das Projekt heißt Shredz64 und stammt von Toni Westbrook. Es ist ein Rhythmusspiel im Stil von Guitar Hero, das komplett auf einem echten C64 läuft. Spätestens im März 2008 machte es die Runde, unter anderem bei Engadget, das es kurzerhand zum besten Ding des Tages erklärte.
Das Prinzip kennst du von Guitar Hero: Farbige Noten scrollen auf dich zu, und du musst im richtigen Moment den passenden Bund drücken und anschlagen. Laut Projektseite gibt es dazu einiges, was man von einem 8-Bit-Spiel nicht erwarten würde:
- einen Applausmeter: Triffst du, jubelt das Publikum, verhaust du dich, wird es still, und wenn keiner mehr klatscht, ist das Spiel vorbei
- einen „Shredocity“-Zähler, der gutes Spiel mit Bonuspunkten belohnt
- einen Shred-Modus, den du aktivierst, indem du die Gitarre nach oben reißt, wie bei den großen Vorbildern
- einen Noten-Editor, mit dem du die Notenspur für eingebaute und eigene Songs bearbeiten kannst
- Highscores, je fünf pro Song
- eine Pseudo-3D-Optik, die an die Konsolen-Vorbilder erinnert
Zur Einordnung: Das erste Guitar Hero erschien Ende 2005 für die PlayStation 2, entwickelt von Harmonix. 2008 waren Plastikgitarren mit Guitar Hero III und dem Konkurrenten Rock Band ein echtes Massenphänomen. Die Welle ebbte danach aber schnell ab: 2011 legte Activision die Reihe auf Eis, und auch der Neustart mit Guitar Hero Live im Jahr 2015 blieb eine Episode.
Wie kommt eine PlayStation-Gitarre an den C64?
Der eigentliche Clou ist die Hardware. Shredz64 wird mit einem echten PlayStation-Gitarrencontroller gespielt, wie er bei Guitar Hero dabei war. Damit der am C64 funktioniert, hat Westbrook ein eigenes Adapter-Interface entwickelt: den PSX64. Damit lassen sich PlayStation-Controller an Rechnern von Commodore, aber auch an Amiga und Atari anschließen.
2010 gab es noch ein Update: Shredz64 bekam drei neue Songs, nämlich „Bombo“, „Stairway Intro“ und „Still Alive“, jeweils in einer PAL- und einer NTSC-Version. Die PSX64-Adapter hat Westbrook damals auf Anfrage einzeln gebaut, die Firmware bekam ebenfalls ein Update.
Warum Musik auf dem C64 so wenig Platz braucht
Shredz64 spielt keine aufgenommenen Songs ab, sondern SID-Musik. Der Soundchip des C64, der SID, ist ein kleiner Synthesizer mit drei Stimmen. Ein SID-Song ist im Grunde ein Programm, das dem Chip sagt, welche Töne er wann wie spielen soll. Deshalb passt ein ganzer Song in ein paar Kilobyte, wo ein moderner Spiele-Soundtrack Gigabytes belegt. Und genau deshalb klingt der C64 bis heute unverwechselbar. Wer reinhören will: Die High Voltage SID Collection sammelt seit Jahrzehnten C64-Musik aus Spielen, Demos und der Szene, und mit passenden Playern läuft die auch auf dem PC oder Smartphone.
Kann man Shredz64 heute noch spielen?
Die Projektseite von Shredz64 ist bis heute online, inklusive Beschreibung und Download-Hinweis. Weitere Songs gab es über Westbrooks Seite Synthetic Dreams.
Für das volle Erlebnis brauchst du allerdings die passende Hardware:
- einen echten C64 oder einen kompatiblen Nachbau
- einen PSX64-Adapter oder eine vergleichbare Lösung
- einen PlayStation-Gitarrencontroller
Gerade der Adapter ist der Knackpunkt. Ob es den heute noch fertig zu kaufen gibt, ist unklar. Wer bastelt, sollte in der C64-Szene nach Nachbauten oder Bauanleitungen fragen. Ob und wie gut sich Shredz64 im Emulator ohne Gitarre spielen lässt, musst du selbst ausprobieren. Ohne Plastikgitarre fehlt aber ohnehin der halbe Spaß.
Echte Hardware oder Nachbau?
Ein gebrauchter Original-C64 ist nach über 40 Jahren oft reparaturbedürftig, vor allem Netzteil und Elkos sind typische Schwachstellen. Wer es entspannter mag, greift zu einem Nachbau. Retro Games bietet mit „TheC64“ seit einigen Jahren eine Neuauflage im Look des Originals an. 2025 hat außerdem die neue Commodore-Firma den Commodore 64 Ultimate angekündigt, der den C64 per FPGA in Hardware nachbildet und mit Originalzubehör wie Steckmodulen funktionieren soll.
Und was ist aus Doom auf dem C64 geworden?
Mein Spruch von 2008 war als Witz gemeint, denn Doom auf einem Rechner mit knapp 1 MHz und 64 KB Arbeitsspeicher klang völlig absurd. Die C64-Szene hat ihn trotzdem ernst genommen.
Zuerst gab es einen Doom-Port für den C64 mit SuperCPU. Das ist eine Beschleunigerkarte mit 20 MHz, die dafür zusätzlich mit 16 MB Speicher bestückt sein muss. Technisch beeindruckend, mit einem normalen Brotkasten hat das aber wenig zu tun.
Richtig spannend wird es 2026: Ende Juli zeigte der Spieleentwickler Steve McCrea, der schon in den 1990ern als Leveldesigner an Final Doom mitgearbeitet hat, Doom auf einem unveränderten C64. Ohne Zusatzspeicher, ohne Beschleuniger, die Level werden von Diskette nachgeladen. Spielbar sind laut Berichten die acht Level der ersten Episode, E1M1 bis E1M8, mit grober Auflösung und noch ohne Musik. Fertig ist das Projekt noch nicht, eine Veröffentlichung ist geplant, ein Termin aber nicht bekannt.
Achtzehn Jahre hat es also gedauert, bis mein „fehlt nur noch“ beinahe erfüllt ist. Ich nehme das jetzt einfach mal als persönlichen Erfolg.
Warum der C64 einfach nicht totzukriegen ist
Shredz64 und Doom zeigen ganz gut, was die C64-Szene ausmacht: Leute, die die Grenzen einer über 40 Jahre alten Maschine immer weiter verschieben. Es erscheinen neue Spiele und Demos, die SID-Musik hat eine riesige Fangemeinde, und mit SD-Karten-Laufwerken, modernen Netzteilen oder Netzwerkadaptern lässt sich die Hardware heute deutlich alltagstauglicher machen.
Ich selbst hänge ja ohnehin an der Kiste. Schon 2007 habe ich mich gefreut, endlich Turrican 3 auf dem C64-Emulator zum Laufen zu bekommen, und bei The Last V8 war ich fassungslos, wie schnell man so ein Spiel durchspielen kann. Wer eher auf moderne Remakes steht, findet mit Hurrican ein würdiges Turrican-Remake.
Häufige Fragen
Was ist Shredz64?
Ein Guitar-Hero-ähnliches Rhythmusspiel für den Commodore 64 von Toni Westbrook. Es spielt SID-Musik ab und wird mit einem PlayStation-Gitarrencontroller über den selbst entwickelten Adapter PSX64 gesteuert.
Brauche ich für Shredz64 eine Plastikgitarre?
Gedacht ist das Spiel für die PlayStation-Gitarre am PSX64-Adapter. Darin liegt der Reiz, denn genau das unterscheidet Shredz64 von einem normalen C64-Spiel. Ob andere Eingabegeräte im Emulator brauchbar funktionieren, musst du ausprobieren.
Läuft Doom wirklich auf einem normalen C64?
Ein Entwickler hat 2026 eine spielbare Version der ersten Episode auf einem unveränderten C64 gezeigt, mit grober Grafik und noch ohne Musik. Veröffentlicht war sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ältere Umsetzungen brauchen die Beschleunigerkarte SuperCPU mit viel Zusatzspeicher.
Mein Fazit
Guitar Hero auf dem C64 war 2008 für mich das Sahnehäubchen beim Demo-Stöbern, und Shredz64 ist bis heute ein Paradebeispiel dafür, was mit Kreativität und 64 KB möglich ist. Dass inzwischen sogar Doom auf einem unveränderten Brotkasten läuft, hätte ich damals nie geglaubt. Den Brotkasten sollte man eben nie unterschätzen.
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