Ganz frisch und quasi gerade verpdft kam Ende März 2008 die nächste Mail aus der Modellbau-PR-Ecke rein. Anfang Februar sollte mich eine Pressemitteilung noch 80 Euro netto kosten, jetzt ging es plötzlich um 20 Euro. Klingt erst mal nach Fortschritt. Warum ich trotzdem gemeckert habe und worauf du bei solchen Angeboten heute achten solltest, steht hier.
Die Mail mit dem PDF
Die Mail selbst war kurz: Die eigentliche Nachricht stehe in der beigefügten PDF-Datei, dazu ein freundliches „Auf Wiedersehen im Modellbau-…“ und der Name des Portals. Den lasse ich hier, wie schon damals, weg.
Okay, okay, schau ich halt in die PDF. Die Argumentation ging ungefähr so:
- Viele Firmen gewinnen Kunden vor allem über Anzeigen in Fachzeitschriften und auf Messen. Viele Menschen kaufen aber weder Fachzeitschriften noch gehen sie auf Modellbau-Messen, sondern informieren sich weltweit im Internet.
- Das Portal wolle einen qualitativ hochwertigen Querschnitt durch alle Sparten des Modellbaus bieten: Firmenporträts, Neuheitenberichte, Kataloge, Preislisten, Modellbeschreibungen, Testberichte, Flyer, Fotos und Videos.
- Alles erscheine auf Deutsch und Englisch, professionell übersetzt, und sei mit der Website oder dem Shop des Herstellers verlinkt.
- Das sei viel günstiger als eine Anzeige: Einen fertigen Katalog als PDF einzustellen koste 20 Euro plus Mehrwertsteuer für zwölf Monate, ohne weitere Verpflichtung. Weitere Leistungen und Preise gab es über einen Link.
Und dann kam der Satz, bei dem ich hellhörig wurde: Sicher frage man sich, warum das Portal für die dort gezeigten Produkte besser gefunden werde als die Seite des Herstellers selbst. Die Antwort: zehnjähriges Fachwissen im Internet und „sich ergänzende Techniken“. Die steigenden Zugriffszahlen seien sehr erfreulich.
Warum werden Pressemitteilungen billiger?
Na ganz klar: Weil ich mich hier schon mal beschwert hatte, dass es mir zu teuer ist. Ein bisschen Größenwahn muss sein.
Aber 20 Euro für einen Fachbeitrag? Das ist mir nun wieder zu billig. Ich weiß, immer hat der Typ was zu meckern. Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass sich ein richtiger Redakteur zwei Stunden hinsetzt, um wirklich 500 gute, einzigartige Wörter aneinanderzureihen, und das für diesen Preis. So etwas geht nur über Masse oder über Textfabriken mit Billiglöhnen. Wobei auch die schon damals nicht mehr so billig gewesen sein sollen.
P.S. von damals: „Zehn Jahre Interneterfahrung“ ist auch eine ziemlich dehnbare Begrifflichkeit. Sagt einer, der keine Ahnung hat.
Was hinter solchen Branchenportalen steckt
Das Modell ist bis heute verbreitet. Ein Portal sammelt Inhalte vieler Anbieter einer Branche, verlangt pro Eintrag einen kleinen Betrag und lebt von der Masse. Für den Hersteller klingt das verlockend: wenig Geld, viel Sichtbarkeit, und die Inhalte hat er ja ohnehin schon.
Der Haken steckt im Satz mit dem „besser gefunden als der Hersteller“. Wenn das stimmt, konkurriert das Portal mit dir um deine eigenen Produktnamen. Stellst du denselben Katalog und dieselben Texte bei dir und beim Portal ein, entscheidet Google, welche Version es zeigt. Gewinnt das Portal, landet der Interessent erst einmal dort statt in deinem Shop.
Dazu kommt das Thema Links. Wenn ein Portal damit wirbt, dass deine Beiträge mit deinem Shop verlinkt sind, und dafür Geld nimmt, ist das aus Googles Sicht ein gekaufter Link. Den muss das Portal als sponsored oder nofollow kennzeichnen, sonst verstößt es gegen Googles Spam-Richtlinien. Wie hart Google schon damals gegen Linkverkäufer vorging, zeigte die PageRank-Abstrafung im Herbst 2007.
So prüfst du ein Angebot heute
Wenn dir so eine Mail ins Haus flattert, lohnen sich ein paar Minuten Recherche:
- Nach echten Zahlen fragen: Wie viele Besucher hat das Portal im Monat, und woher kommen die? „Steigende Zugriffszahlen“ ist keine Zahl.
- Selbst googeln: Such nach ein paar Produktnamen, die dort angeblich so gut ranken. Taucht das Portal auf, oder nur die Hersteller?
- Links anschauen: Sind die Links gekennzeichnet? Wenn nicht, ist das ein Warnsignal für das ganze Portal.
- Impressum und Vertrag lesen: Wer steckt dahinter? Verlängert sich der Eintrag automatisch? „Ohne weitere Verpflichtung“ sollte auch schwarz auf weiß im Vertrag stehen.
- Nach Referenzen fragen und dort bei einem anderen Hersteller nachhaken, ob sich der Eintrag gelohnt hat.
Deine eigene Seite zuerst
Bevor du Geld für Fremdportale ausgibst, mach deine eigenen Produktseiten stark: ordentliche Texte, gute Fotos, technische Daten, Preise. Die Inhalte, die du einem Portal gibst, gehören zuerst auf deine Seite. Was du woanders veröffentlichst, sollte eine eigene Fassung sein und kein Duplikat.
Was ist ein guter Text heute wert?
Meine Zwei-Stunden-Rechnung von damals finde ich immer noch vernünftig. Ein guter Fachtext braucht Recherche, Wissen und Zeit. Was sich verändert hat: Billiger Text ist heute im Überfluss da, weil KI ihn in Sekunden ausspuckt. Formal sauber, inhaltlich austauschbar.
Google hat darauf reagiert und bewertet seit einigen Jahren gezielt, ob Inhalte für Menschen geschrieben sind oder vor allem für Suchmaschinen. Ein eigenes System dafür führte Google 2022 ein und baute es 2024 in seine zentrale Bewertung ein. Für Hersteller und Portale heißt das: Wer nur Kataloge abtippt oder Pressemitteilungen recycelt, hat schlechte Karten. Wer echte Tests, eigene Fotos und Erfahrung mitbringt, hebt sich ab.
Wo die Modellbau-Szene heute unterwegs ist
Neben Fachzeitschriften und Messen spielen heute YouTube-Kanäle, große Foren und Community-Gruppen eine riesige Rolle. Ein Testmodell für einen bekannten Kanal kann mehr Kunden bringen als jeder Portaleintrag.
Wie es weiterging
Wer selbst ein Modellbau-Projekt im Netz betreibt, kennt den Spagat zwischen Sichtbarkeit und Qualität. Meine eigenen Erfahrungen mit Google und meinem Modellbau-Forum habe ich im Beitrag über den totalen Absturz beim RC-Forum aufgeschrieben.
Mein Fazit
80 Euro waren mir zu teuer, 20 Euro zu billig, und ich gebe zu, dass das nach Meckern um des Meckerns willen klingt. Der Punkt bleibt aber: Gute Inhalte kosten Arbeit, und wer sie zum Spottpreis anbietet, spart irgendwo. Heute würde ich als Hersteller lieber in die eigene Seite und in echte Kontakte zur Szene investieren als in Einträge auf Portalen, die mir bei Google Konkurrenz machen.
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