Wirkung des Nebeneinanders

Warum läufst du in der Gruppe schneller als allein, versemmelst aber die Aufgabe an der Tafel? Was Triplett, Allport und Zajonc über Leistung in Gesellschaft fanden.

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In der Laufgruppe bist du oft schneller unterwegs als allein. Aber die Matheaufgabe, die du zu Hause problemlos gelöst hättest, versemmelst du vorne an der Tafel vor der ganzen Klasse. Beides hat mit derselben Sache zu tun: der Wirkung des Nebeneinanders. Schon die bloße Anwesenheit anderer verändert, wie gut wir etwas leisten – mal nach oben, mal nach unten.

Marx und die Kraft der Zusammenarbeit

Schon lange vor den ersten Experimenten hat sich ausgerechnet Karl Marx Gedanken darüber gemacht. Im Kapitel über die Kooperation im ersten Band des „Kapitals“ (1867) schreibt er sinngemäß: Die Summe der Kräfte vereinzelter Arbeiter ist etwas anderes als die Kraft, die entsteht, wenn viele Hände gleichzeitig an derselben Aufgabe arbeiten. Manches ließe sich allein gar nicht, nur viel langsamer oder nur in kleinem Umfang schaffen.

Dazu kommt laut Marx ein psychologischer Effekt. Der bloße gesellschaftliche Kontakt erzeuge einen Wetteifer und eine eigene Erregung der Lebensgeister, die die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen erhöht. Deshalb liefere ein Dutzend Personen zusammen in einem gleichzeitigen Arbeitstag von 144 Stunden ein viel größeres Gesamtprodukt als zwölf vereinzelte Arbeiter mit je zwölf Stunden – oder als ein Einzelner, der zwölf Tage hintereinander arbeitet.

Die Begründung liefert er gleich mit: Der Mensch sei von Natur aus, „wenn nicht, wie Aristoteles meint, ein politisches, jedenfalls ein gesellschaftliches Tier“. Für Marx ging es dabei nicht nur darum, dass Kooperation die Kraft des Einzelnen steigert. Es entsteht eine ganz neue Produktivkraft, die es nur als Kraft vieler geben kann. Denk an ein Team, das gemeinsam einen Umzug stemmt: Die Waschmaschine die Treppe runter schafft keiner allein, egal wie lange er es versucht.

Woher kommt der Leistungsschub?

Für die Leistungssteigerung im Beisein anderer gibt es drei Erklärungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen:

  1. Die anderen als Zuschauer: Du willst dich vor ihnen nicht blamieren und strengst dich deshalb mehr an.
  2. Konkurrenz: Die anderen sind Gegner, und du willst besser sein als sie.
  3. Stimmung: Die Gemeinschaft trägt dich, du fühlst dich in einem gemeinsamen Strom aufgehoben, der dich mitzieht.

Diese Möglichkeiten hat die Sozialpsychologie seit Ende des 19. Jahrhunderts in Experimenten untersucht.

Triplett: Angelrollen und Radrennen

Als Erster hat der amerikanische Psychologe Norman Triplett die Leistung allein und in Gesellschaft systematisch verglichen. Sein Aufsatz von 1898 gilt vielen als das erste sozialpsychologische Experiment überhaupt. Ihm war aufgefallen, dass Radrennfahrer schneller fuhren, wenn sie gegen andere antraten, als wenn sie allein gegen die Uhr fuhren.

Im Labor ließ er dann 40 Kinder so schnell wie möglich Schnur auf eine Angelrolle kurbeln, einmal allein und einmal neben einem Konkurrenten. Etwa die Hälfte der Kinder war im Wettbewerb schneller, einige aber sogar langsamer, und bei anderen zeigte sich kein Unterschied. Triplett schloss daraus, dass die körperliche Anwesenheit von Konkurrenten Energien freisetzt, die sonst nicht abrufbar sind.

Ganz so eindeutig war es nicht

Eine moderne Nachanalyse von Michael Strube (2005) kam zu dem Ergebnis, dass Tripletts eigene Daten den Effekt nur sehr schwach belegen. Damals galten eben noch andere Maßstäbe für Statistik. Der Effekt selbst wurde später trotzdem in vielen Studien gefunden – nur eben nicht so pauschal, wie es Triplett vermutete.

Allport: mehr Wörter, aber nicht bessere Gedanken

Der Psychologe Floyd H. Allport bestätigte 1920 die Leistungssteigerung, zumindest was die Menge angeht. Seine Studenten bekamen linierte Blätter und sollten alle Wörter aufschreiben, die ihnen gerade in den Sinn kamen. In einem der Versuche produzierten 14 von 15 Teilnehmern in Gesellschaft mehr Wörter als allein.

Spannend ist ein Detail, das oft unter den Tisch fällt: Bei Aufgaben, bei denen es um gutes Argumentieren ging, waren die besonders hochwertigen Ideen relativ häufiger, wenn die Leute allein arbeiteten. Mehr Output heißt also nicht automatisch bessere Qualität. Allport prägte wenig später, 1924, den Begriff „soziale Erleichterung“ (social facilitation).

Zajonc: Es kommt auf die Aufgabe an

Den entscheidenden Schritt machte Robert Zajonc 1965. Er ging davon aus, dass die Anwesenheit anderer die Erregung steigert. Ob das hilft oder schadet, hängt vom Schwierigkeitsgrad der Aufgabe ab:

  • Bei einfachen oder gut geübten Aufgaben verbessert die Erregung die Leistung. Was du im Schlaf kannst, klappt vor Publikum oft sogar besser.
  • Bei schwierigen oder neuen Aufgaben verschlechtert sie die Leistung. Wem eine Aufgabe ohnehin schwerfällt, der patzt unter Beobachtung eher.

Damit erklärt sich auch der Widerspruch vom Anfang: Laufen kannst du, also läufst du in der Gruppe schneller. Die neue Matheaufgabe ist schwierig, also geht sie an der Tafel schief. Und deshalb spielt die routinierte Band beim Auftritt oft besser als in der Probe, während der Anfänger beim ersten Vorspielen Fehler macht, die ihm allein nie passieren würden.

Die Kehrseite: soziales Faulenzen

Das Nebeneinander hat aber noch eine andere Seite. Schon der französische Agraringenieur Maximilien Ringelmann stellte fest, dass Männer, die gemeinsam an einem Seil zogen, pro Kopf weniger Kraft aufbrachten als allein. 1979 zeigten Bibb Latané und Kollegen in einem Versuch, dass Studenten, die gemeinsam mit anderen möglichst laut rufen sollten, sich weniger anstrengten, je mehr Mitstreiter sie vermuteten.

Der Unterschied zur sozialen Erleichterung liegt im Detail. Beim Nebeneinander ist die Leistung jedes Einzelnen sichtbar, beim Seilziehen verschwindet sie in der Gesamtleistung. Wo niemand sieht, was du beiträgst, lässt die Anstrengung gern nach. Das kennst du vom Gruppenreferat, bei dem am Ende einer die ganze Arbeit macht, oder vom WG-Abwasch, für den sich keiner zuständig fühlt.

Wie Ursache und Wirkung in solchen Situationen zusammenhängen und warum die neuere Forschung eher in Wechselwirkungen denkt, erklärt der nächste Teil: Ursache und Wirkung. Warum Menschen in Gruppen nicht nur anders leisten, sondern auch anders urteilen, steht im Teil Handeln und Verhalten einer Gruppe. Und wie sichtbar die Leistung eines Einzelnen ist, hängt stark von der Struktur einer Gruppe ab.

Gemeinsam oder allein arbeiten?

Für Routinearbeit und Training lohnt sich Gesellschaft: Lerngruppe, Laufgruppe, Coworking. Für Neues und Kniffliges such dir lieber erst mal Ruhe und geh dann mit einem fertigen Ergebnis in die Gruppe. Und bei Teamarbeit sorg dafür, dass jeder Beitrag sichtbar bleibt, damit niemand im Kollektiv abtaucht.

Mein Fazit

Die Wirkung des Nebeneinanders erklärt, warum Gesellschaft manchmal beflügelt und manchmal lähmt. Mein Lieblingsergebnis ist das von Zajonc, weil es so alltagstauglich ist: Was du gut kannst, mach ruhig vor Publikum, was du erst lernst, übe lieber allein.

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