Es ist kurz nach vier Uhr morgens, der Bauch tut weh, an Schlaf ist nicht zu denken – und im Kopf dreht sich ein einziger Satz: „Die Hand, die man nicht abhauen kann, muss man küssen.“ Was dabei herauskommt, wenn man so einen Spruch im Halbschlaf zu Ende denkt, liest du hier. Mit kleinen Korrekturen von heute, denn nicht alles, was mir damals durch den Kopf ging, hält einem Faktencheck stand.
Abhauen ist nicht gleich abhauen
Wer dachte, „abhauen“ heiße nur, sich aus dem Staub zu machen, wird bei diesem Spruch eines Besseren belehrt. Abhauen heißt eben nicht nur, irgendetwas zu verlassen, sondern auch, etwas abzutrennen. Und so richtig freiwillig will hier ja niemand etwas loslassen – schon gar nicht seine Hand.
Zwei Wörter in einem
Der Duden unterscheidet tatsächlich zwei Bedeutungen, die sich sogar unterschiedlich beugen:
- abhauen im Sinne von abschlagen: „Er hieb den Ast ab“ (umgangssprachlich auch „haute ab“), „er hat den Ast abgehauen“.
- abhauen im Sinne von sich davonmachen (salopp): „Er haute ab“, „er ist abgehauen“.
Wer also „ist abgehauen“ sagt, ist weg. Wer „hat abgehauen“ sagt, hat etwas abgetrennt. Ein Hilfsverb macht den ganzen Unterschied.
Wer hat das eigentlich gesagt?
Damals habe ich den Spruch ganz selbstverständlich Heinrich Heine zugeschrieben. Aus heutiger Sicht muss ich da zurückrudern: Einen sicheren Beleg, dass Heine diesen Satz geschrieben hat, gibt es nicht. Bei Heine findet sich zwar ein anderes Spiel mit Hand und Abhauen – in einem Brief von 1827 schreibt er „ärgert dich deine Hand, so hau sie ab“, eine Anspielung auf eine Stelle aus der Bergpredigt. Das ist aber ein ganz anderer Gedanke.
Sinngemäß ähnliche Redensarten kursieren in mehreren Sprachen, etwa im Türkischen. Mal soll man die Hand küssen, die man nicht abschlagen kann, mal die, die man nicht beißen kann. Die Botschaft bleibt dieselbe: Wenn du gegen einen Mächtigeren nicht ankommst, arrangier dich mit ihm.
Gemeint ist also eine Metapher dafür, was man aufgeben muss, um mit jemandem gut Freund zu bleiben: ein Stück Stolz, ein Stück Selbst. Gewiss ein hohes Opfer! Und das alles wegen einer lumpigen Hand.
Ganz so altmodisch, wie er klingt, ist der Spruch nicht. Im Alltag begegnet er dir öfter, als dir lieb ist: der Chef, mit dem du nicht diskutieren kannst, der Vermieter, ohne den du keine Wohnung hast, die Behörde mit dem längeren Atem. Ob man dann wirklich küsst oder nur höflich nickt, ist am Ende eine Charakterfrage.
Lieber Hand küssen als Arme und Beine verlieren
Wie kleinlich, möchte man sagen – andere haben wegen weniger schon viel mehr verloren. Im Film Die Ritter der Kokosnuss der Monty-Python-Truppe stellt sich ein Schwarzer Ritter König Artus in den Weg. Weil er partout nicht weichen will, verliert er nacheinander beide Arme und beide Beine und hält das Ganze trotzdem nur für eine Fleischwunde. Dabei hätte es hier schon gereicht, dem Herrn die Hand zu küssen.
Uneinsichtigkeit wird im Leben eben bestraft. Das lernt man schon als kleines Kind: Man ist einsichtig, versucht, zur verabredeten Stunde zu Hause zu sein, und schafft es eben erst – na ja, sagen wir – ein wenig später. Prompt gibt es Ärger. Dabei hatten die Freunde doch gewarnt: „Komm lieber richtig spät, dann ist die Freude der Eltern größer als der Frust.“ Ja, nun hat man was gelernt.
Störtebeker: kopflos, aber nicht ohne Sicht?
Wenn „uneinsichtig“ etwas mit „ohne Sicht“ zu tun hat, dann hatte das Abhauen des Kopfes bei Klaus Störtebeker erstaunlich wenig Folgen für seine Motorik. So jedenfalls erzählt es die Legende über den berühmten Seeräuber, der gern als eine Art Robin Hood der Nord- und Ostsee verklärt wird.
Bürgermeister Kersten Miles soll ihm versprochen haben, jeden seiner Männer zu verschonen, an dem er nach der Hinrichtung noch vorbeigeht. Der kopflose Störtebeker schaffte es der Legende nach an elf Gefährten vorbei, bis ihn der Henker zu Fall brachte.
Damals hatte ich geschrieben, dank dieses kopflosen Einsatzes hätten seine Spitzbuben abhauen können. Das muss ich korrigieren: Laut Legende brach der Bürgermeister sein Wort, und alle Seeräuber wurden hingerichtet. Abhauen war also nicht – zumindest nicht im Sinne von „davonmachen“.
Was ist an der Legende dran?
Überliefert ist, dass Störtebeker im Oktober 1401 zusammen mit vielen Gefährten auf dem Hamburger Grasbrook enthauptet wurde. Zeitgenössische Quellen dafür fehlen allerdings. Der Historiker Gregor Rohmann hält es sogar für möglich, dass die Geschichten auf einen Danziger Kapitän namens Johann Stortebeker zurückgehen, der noch Jahre später urkundlich belegt ist. Der kopflose Gang gehört so oder so ins Reich der Sagen.
Bei Kopfschmerzen erst mal den Henker fragen?
Was bei Spitzbuben im Allgemeinen als Strafe in Form einer Köpfung endete, könnte man sich – rein theoretisch – als radikale Behandlungsmethode vorstellen. Nach dem Motto: Bei Kopfschmerzen erst einmal den Henker fragen. Aber Vorsicht: Die Kopfschmerzen wären dann zwar abgehauen, mit ihnen aber auch das unbeschwerte Lebensgefühl und jede Lust, Hände zu küssen.
Da halte ich es lieber mit einer abgewandelten alten Weisheit. Eigentlich heißt es ja: „Beiß nicht die Hand, die dich füttert.“ Meine Version um vier Uhr morgens lautete: Erst einmal die Hand beißen, die einen ernährt hat. Aber dann – abhauen.
Wer nachts so ins Grübeln kommt, landet übrigens schnell bei den ganz großen Fragen. Da passt ein Blick in „Warum ist unsere Welt so, wie sie ist?“ – oder man ärgert sich, wie bei der Werbung im Simpsons-Film, einfach mal ordentlich Luft.
Mein Fazit
Sorry, ich bin seit vier Uhr wach und habe wahnsinnige Bauchschmerzen – das musste jetzt einfach mal gesagt werden. Aus heutiger Sicht bleibt: Der Spruch ist älter und internationaler, als ich dachte, Heine hat ihn wohl nicht erfunden, und Störtebekers Männer kamen leider doch nicht davon. Die Hand küssen würde ich trotzdem nur im Notfall.
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