Nun ist es ausgewertet! Im Oktober 2007 ging unter deutschen Bloggern ein Stöckchen herum, bei dem jeder seine Google-Analytics-Zahlen offenlegen sollte. 22 Blogs haben mitgemacht, Anfang November lag die große Auswertung auf dem Tisch. Hier liest du, wo mein Blog gelandet ist, warum so ein Durchschnitt mit Vorsicht zu genießen ist und was sich an der Webanalyse seitdem grundlegend geändert hat.
Was war das Analytics-Stöckchen?
Blog-Stöckchen waren damals so etwas wie Kettenbriefe unter Bloggern, nur netter. Einer stellt eine Aufgabe, beantwortet sie im eigenen Blog und „wirft“ das Stöckchen an ein paar andere weiter. Die verlinken zurück, antworten und werfen weiter. So hat sich die Szene vernetzt, und nebenbei haben alle fleißig Backlinks gesammelt.
Gestartet hatte das Ganze der Alte Falter, augenzwinkernd betitelt als „Schwanzvergleich für Google-Analytiker“. Gefragt waren fünf Werte aus dem voreingestellten Zeitraum von Google Analytics: der Anteil der Besucher über Suchmaschinen, über verweisende Websites und per Direktzugriff, dazu Seiten pro Besuch und Verweildauer. Meine Zahlen hatte ich im Stöckchen-Beitrag zu Google Analytics veröffentlicht – ausgerechnet kurz nachdem mein Blog nicht mehr in den Google-Index wollte.
Die Auswertung: Wo lag mein Blog?
Der Alte Falter hat alle Rückmeldungen in eine große Tabelle gepackt und den Schnitt gebildet. So sah es für mich im Vergleich aus:
| Kennzahl | Mein Blog | Schnitt aller 22 Blogs |
|---|---|---|
| Besucher über Suchmaschinen | 49,49 % | 54,93 % |
| Besucher über verweisende Websites | 45,54 % | 31,83 % |
| Direktzugriffe | 4,97 % | 13,21 % |
| Seiten pro Besuch | 1,54 | 1,87 |
| Verweildauer | 2:23 min | 1:41 min |
Und ich bin im Mittelfeld. Bei den Suchmaschinen etwas drunter, bei den verweisenden Websites deutlich drüber. Das dürfte vor allem an der Index-Pause gelegen haben: Wer bei Google gerade kaum stattfindet, bekommt seine Besucher eben über Links aus der Blogszene. Dafür blieben die Leute, die kamen, überdurchschnittlich lange.
Die Ausreißer
- Am meisten Suchmaschinen-Traffic: Kropi mit 88,45 %
- Am wenigsten Suchmaschinen-Traffic: sumaphil.de mit 16,62 %
- Am meisten über verweisende Websites: hebbet’s blog mit 70,61 %
- Am meisten Direktzugriffe: vm-people mit 44,91 %
- Längste Besuche: Duerrbi & Michi mit 5:03 Minuten und 3,27 Seiten pro Besuch
- Kürzeste Besuche: STYLEJUNGE mit 0:37 Minuten
Einige der Teilnehmer-Beiträge sind fast 20 Jahre später sogar noch online, etwa bei Cappellmeister, Duerrbi & Michi, Michael Seitz und Sebbi. Duerrbi & Michi haben damals übrigens selbst angemerkt, dass ihre fünf Minuten wohl geschönt sind, weil die Seite oft im Hintergrund offen bleibt. Ehrlich währt am längsten.
Ein großes Danke geht an dieser Stelle an den Alten Falter fürs Auswerten. Seine Seite ist leider längst offline, die Zahlen leben hier weiter.
Was sagt uns das Ganze?
Das war schon 2007 meine Frage. Mein Bauchgefühl damals: Man müsste die Besucherzahlen mit einrechnen und das Ganze prozentual gewichten, sonst verfälscht das die Sache ungemein. Und genau da liegt der Haken.
Der Schnitt in der Tabelle ist ein einfacher Mittelwert. Jeder Blog zählt gleich, egal ob er 20 oder 2.000 Besucher am Tag hat. Ein ausgedachtes Beispiel zeigt, wie stark das kippen kann: Ein großer Blog mit 10.000 Besuchen und 85 % Suchmaschinen-Anteil plus neun kleine Blogs mit je 500 Besuchen und 40 % ergeben als einfachen Mittelwert 44,5 %. Gewichtet nach Besuchen sind es rund 71 %. Gleiche Daten, völlig andere Aussage.
Dazu kommen ein paar weitere Stolperfallen:
- Ausreißer ziehen den Mittelwert. Rechnest du aus den 22 Werten den Median, landest du bei gut 59 % Suchmaschinen-Anteil und nur gut 9 % Direktzugriffen. Der Mittelwert von 13,21 % Direktzugriffen wird von ein paar Blogs mit über 30 % nach oben gezogen.
- Die Stichprobe ist alles andere als zufällig. Mitgemacht haben Blogger, die sich ohnehin gegenseitig verlinken. Das treibt den Anteil der verweisenden Websites hoch.
- Jeder misst ein bisschen anders. Hat jemand seine eigenen Besuche herausgefiltert? Läuft der Blog seit drei Monaten oder seit drei Jahren? All das steckt unsichtbar in den Zahlen.
Trotzdem fand ich die Aktion schon damals ganz nett. Es gab wieder eine Statistik mehr, und so ein Vergleich zeigt zumindest grob, ob der eigene Blog völlig aus der Reihe tanzt.
Warum die Verweildauer damals kaum etwas taugte
Die Minutenangabe aus dem alten Google Analytics war besonders wackelig. Die Zeit wurde nur zwischen zwei Seitenaufrufen gemessen. Wer eine einzige Seite gelesen und dann den Tab geschlossen hat, ging mit null Sekunden in die Statistik ein, auch wenn er zehn Minuten gelesen hatte. Und für die letzte Seite eines Besuchs gab es ebenfalls keine Zeit.
Gleichzeitig konnte ein vergessener Tab den Wert aufblähen, wenn der Besucher später noch einmal klickte. Eine Sitzung endete erst nach 30 Minuten Inaktivität. Bei Blogs, wo viele Leser nur einen Artikel lesen und wieder gehen, war die Verweildauer also eher ein Würfelergebnis als eine Messung.
Google Analytics heute: GA4 statt Universal Analytics
Das Google Analytics von damals gibt es nicht mehr. Es wurde später von Universal Analytics abgelöst, und auch das ist Geschichte: Bei Standard-Properties endete die Datenverarbeitung am 1. Juli 2023, bei der kostenpflichtigen 360-Variante ein Jahr später. Seit Juli 2024 ist auch der Zugriff auf die alten Daten weg. Die Zahlen von 2007 existieren also nur noch in Blogbeiträgen wie diesem.
Heute heißt das Werkzeug Google Analytics 4 und tickt anders:
- Ereignisse statt Seitenaufrufe: Jeder Seitenaufruf, Scroll oder Klick ist ein Ereignis. Sitzungen gibt es weiterhin, sie sind aber nicht mehr das Maß aller Dinge.
- Interaktionszeit statt Verweildauer: GA4 misst, wie lange deine Seite tatsächlich im Vordergrund war. Das Problem mit dem vergessenen Tab ist damit weitgehend erledigt.
- Interaktionsrate: Als „interaktiv“ zählt eine Sitzung, die länger als 10 Sekunden dauert, mindestens zwei Seitenaufrufe hat oder ein Schlüsselereignis auslöst. Die Absprungrate ist in GA4 einfach der Rest, also der Anteil der Sitzungen ohne Interaktion.
- Standard-Channel-Gruppen: Die alten drei Töpfe sind heute feiner aufgeteilt, etwa in organische Suche, Verweise, Direkt, organische soziale Netzwerke und bezahlte Kanäle.
Direkt ist nicht immer direkt
Der Kanal „Direkt“ war schon 2007 eine Restekiste und ist es heute erst recht. Dort landen nicht nur Leute, die deine Adresse eintippen, sondern auch Klicks aus Messengern, E-Mail-Programmen, Apps oder PDFs, bei denen keine Herkunft mitgeschickt wird.
Und der Datenschutz?
2007 hat man den Analytics-Code einfach ins Template kopiert und fertig. Heute brauchst du dafür in Deutschland in aller Regel eine Einwilligung. Nach § 25 TDDDG (bis Mai 2024 hieß das Gesetz TTDSG) darfst du Informationen auf dem Gerät deiner Besucher nur mit deren Zustimmung speichern oder auslesen, außer es ist für den gewünschten Dienst unbedingt nötig. Reichweitenmessung gehört nicht dazu. Dazu kommen die Vorgaben der DSGVO.
Die Folge für die Statistik: Wer im Cookie-Banner ablehnt, taucht in GA4 nicht oder nur modelliert auf. Ein Vergleich wie der von 2007 wäre heute noch wackeliger, weil jeder Blog einen anderen Anteil an Ablehnern hat. Wer ohne Banner auskommen will, schaut sich datensparsame Alternativen an, etwa selbst gehostetes Matomo in einer cookielosen Konfiguration oder eine Auswertung der Server-Logs.
Keine Rechtsberatung
Ob ein bestimmtes Tool in deiner Konfiguration ohne Einwilligung auskommt, hängt vom Einzelfall ab. Im Zweifel helfen die Informationen der Datenschutzbehörden oder ein Fachanwalt weiter.
Mein Fazit
Das Analytics-Stöckchen war ein schöner Schnappschuss der Blogszene von 2007, aber keine Statistik, auf die ich heute noch etwas geben würde. Ungewichtete Durchschnitte, eine selbst ausgewählte Stichprobe und eine wackelige Zeitmessung machen aus dem Vergleich eher ein Spiel. Wenn du heute deine eigenen Zahlen verstehen willst, vergleich dich lieber mit dir selbst über die Zeit als mit anderen Blogs.
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