2007 kursierte ein Video, in dem ein Kerl auf einer einsamen Insel von einer riesigen Meute Frauen überrannt wird. Auf den ersten Blick regt so etwas natürlich die Fantasie an. Nach ein paar Gedankenspielen kam mir dann aber ausgerechnet der Schluss von „Das Parfum“ in den Sinn – und die Fantasie war schlagartig weg. Hier geht es darum, warum das so ist und ob es den unwiderstehlichen Duft wirklich gibt.
Was war das für ein Video?
Das Video selbst kann ich dir leider nicht mehr zeigen. Es war damals als Flash-Video eingebettet, und Flash ist seit Ende 2020 Geschichte. Unzählige Clips aus dieser Zeit sind so einfach verschwunden, genau wie das Video in meinem Beitrag zur Games Convention 2007 eine Woche später.
Das Motiv kannte 2007 aber jeder. Die Deo-Werbung der Nullerjahre lebte genau davon: Ein Mann sprüht sich ein, und plötzlich stürmen ganze Horden Frauen auf ihn zu. Vom „Axe-Effekt“ war damals ständig die Rede. Dass das Ganze eher Witz als Wissenschaft war, war allen klar – trotzdem hat sich die Idee vom Duft, dem niemand widerstehen kann, hartnäckig gehalten.
Warum mir ausgerechnet „Das Parfum“ einfiel
Wer Patrick Süskinds Roman von 1985 kennt oder Tom Tykwers Verfilmung von 2006 gesehen hat, ahnt es schon. Achtung, es folgt ein Spoiler.
Jean-Baptiste Grenouille kommt ohne eigenen Körpergeruch zur Welt, hat aber die feinste Nase von ganz Paris. Er erschafft am Ende tatsächlich den perfekten Duft, der Menschen in blinde Verehrung versetzt. Glücklich macht ihn das nicht. Zum Schluss übergießt er sich mit dem Rest seines Parfums, und die Menge stürzt sich vor lauter Liebe auf ihn – im wahrsten Sinne des Wortes. Von ihm bleibt nichts übrig.
Da hab ich mir 2007 gesagt: lieber ein, zwei, drei tausend Verehrerinnen weniger, dafür ein erfreuliches Leben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Gibt es den unwiderstehlichen Duft wirklich?
Die Werbung spielt mit einer Idee aus der Biologie: Pheromone. Das sind Botenstoffe, mit denen Tiere derselben Art miteinander kommunizieren, ohne dass es ihnen bewusst sein muss. Der Klassiker ist der Seidenspinner. Das Weibchen gibt einen Lockstoff ab, den die Männchen noch in großer Entfernung wahrnehmen. In der Tierwelt sind solche Signale gut belegt, bei Insekten genauso wie bei vielen Säugetieren.
Beim Menschen sieht es deutlich dünner aus. Seit Jahrzehnten suchen Forscher nach einem menschlichen Sexualpheromon, gefunden haben sie bisher keins. Zwei Substanzen galten lange als heiße Kandidaten: Androstadienon, das im männlichen Schweiß vorkommt, und Estratetraenol, das zuerst im Urin schwangerer Frauen nachgewiesen wurde.
Was die Forschung dazu sagt
Ein Team der University of Western Australia hat die beiden Stoffe 2017 an 94 Versuchspersonen getestet, doppelt verblindet. Ergebnis: Weder veränderten sie, wie Gesichter des anderen Geschlechts wahrgenommen wurden, noch wie attraktiv oder wie treu die Leute sie einschätzten. Die Forscher folgern, dass diese beiden Moleküle sehr wahrscheinlich keine menschlichen Sexualpheromone sind.
Der Oxforder Zoologe Tristram Wyatt, der sich seit Jahren kritisch mit dem Thema beschäftigt, hält die Kandidaten schlicht für falsch identifiziert. Er bemängelt auch, dass in diesem Forschungsfeld vor allem positive Ergebnisse veröffentlicht wurden. Ganz ausschließen will er menschliche Pheromone aber nicht: Es könne sie geben, sie seien eben nur noch nicht gefunden.
Pheromon-Parfums aus dem Netz
Im Internet findest du jede Menge Parfums und Sprays, die mit Pheromonen werben und mehr Anziehungskraft versprechen. Eine wissenschaftlich belegte Wirkung dafür gibt es nicht. Was du kaufst, ist im besten Fall ein Duft, der dir gefällt – und das ist ja auch schon etwas.
Was Gerüche trotzdem können
Völlig egal ist der Geruch beim Menschen aber nicht. Wir nehmen Körpergeruch durchaus wahr, und er kann beeinflussen, ob wir jemanden sympathisch finden. Bekannt sind etwa Experimente, bei denen Versuchspersonen an getragenen T-Shirts schnupperten und bestimmte Gerüche angenehmer fanden als andere. Wie stark solche Effekte wirklich sind, ist allerdings umstritten.
Viel mehr macht der Geruch über Erinnerungen und Gewohnheiten. Ein Duft kann dich schlagartig in den Urlaub von vor zehn Jahren zurückversetzen oder an einen bestimmten Menschen erinnern. Das ist echte Wirkung – nur eben keine, die Fremde willenlos macht.
Und die Werbung?
Die Werbewelt hat sich seit 2007 spürbar verändert. Spots, in denen Frauen als kreischende Horde auftreten, die einem Deo hinterherrennt, wirken heute ziemlich aus der Zeit gefallen. Axe hat sich selbst vor rund zehn Jahren von diesem Bild verabschiedet und wirbt seitdem deutlich weniger plump. Wie Werbung damals überhaupt überall reinkroch, sogar ins Kino, darüber hab ich mich beim Simpsons-Film schon aufgeregt.
Aus heutiger Sicht finde ich an dem alten Video vor allem eins interessant: wie schnell der Witz kippt, wenn man ihn zu Ende denkt. Süskind hat das schon 1985 gezeigt. Der perfekte Duft macht keine Liebe, er macht Besessenheit – und die endet bei ihm im Desaster.
Mein Fazit
Den Duft, der jeden um den Finger wickelt, gibt es nicht, und das ist auch gut so. „Das Parfum“ zeigt ziemlich drastisch, warum. Ich bleib bei meiner Einschätzung von 2007: ein erfreuliches Leben schlägt jede Meute.
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