Im Juli 2008 durchforstete ich mal wieder meine Lieblingsforen nach Fragen und Antworten, die mich auch interessieren. Bei drillingsraum.de wurde ich fündig: ein Interview mit einem CERN-Physiker über die Frage, die damals halb Europa beschäftigte. Kann der neue Teilchenbeschleuniger ein schwarzes Loch erzeugen, das die Erde verschluckt? Hier geht es um die Aufregung von damals, um die Antworten der Physik und darum, was seitdem tatsächlich am LHC passiert ist.
Die Aufregung im Sommer 2008
Der Large Hadron Collider (LHC) am CERN bei Genf stand kurz vor dem Start. Er sollte Protonen mit Energien aufeinanderprallen lassen, wie sie kein Beschleuniger zuvor erreicht hatte. Und irgendwo zwischen Fachartikeln und Boulevard machte eine Frage die Runde: Was, wenn dabei winzige schwarze Löcher entstehen, die nicht wieder verschwinden?
Die Diskussion wurde heiß geführt. Sogar ein Chemiker meldete sich mit erhobenem Zeigefinger zu Wort, um auf die möglichen Gefahren hinzuweisen. Der bekannteste dieser Warner war der Tübinger Wissenschaftler Otto Rössler, der vor wachsenden Mini-Löchern warnte. Fachkollegen, die seine Argumente prüften, fanden darin allerdings logische und physikalische Fehler.
Und dann wurde es juristisch. Zwei Amerikaner, Walter Wagner und Luis Sancho, verklagten im März 2008 vor einem US-Bundesgericht auf Hawaii das CERN und seine amerikanischen Partner. Ihr Ziel war ein Aufschub des Starts. Man könnte auch sagen: Die Tests waren ihnen zu nervenaufreibend.
Was das Interview erklärt
Marc Gänsler hat sich für drillingsraum.de aufgemacht und ein Interview mit Dr. Matthias Schott geführt, einem Physiker am CERN. Erschienen ist es am 16. Juli 2008. Geklärt werden darin Fragen wie:
- Wann entstehen schwarze Löcher?
- Wie viele Dimensionen werden benötigt, damit ein schwarzes Loch entsteht?
- Welchen Unterschied gibt es zwischen einem kosmischen und einem im CERN entstandenen schwarzen Loch?
- Was ist die Hawking-Strahlung, und wie beeinflusst sie das schwarze Loch?
- Warum schließen Physiker ungern etwas aus?
- Was bringen einem diese Versuche überhaupt?
Das Interview ist bis heute online. Schau einfach mal bei drillingsraum und dem Thema CERN und die schwarzen Löcher vorbei. Die Frage, warum Physiker ungern etwas ausschließen, fand ich schon damals die schönste. Sie erklärt nämlich, warum sich vorsichtige wissenschaftliche Aussagen in Schlagzeilen so leicht nach Gefahr anhören.
Warum vom LHC keine Gefahr ausging
Die Sicherheitsfrage hat das CERN selbst sehr ernst genommen. Im Juni 2008 veröffentlichte die LHC Safety Assessment Group einen Bericht, dessen Kernargumente sich gut nachvollziehen lassen:
- Die Natur macht das ständig. Kosmische Strahlung trifft seit Milliarden Jahren mit Energien auf die Erde, die weit über denen des LHC liegen. Wären dabei gefährliche schwarze Löcher entstanden, gäbe es uns nicht.
- Neutronensterne und Weiße Zwerge existieren noch. Diese extrem dichten Sterne würden solche Mini-Löcher einfangen. Dass sie seit Ewigkeiten stabil am Himmel stehen, spricht klar gegen eine Gefahr.
- Hawking-Strahlung. Nach der Theorie verlieren schwarze Löcher Energie und verdampfen, und zwar umso schneller, je kleiner sie sind. Ein Mini-Loch aus dem Beschleuniger wäre praktisch sofort wieder weg.
- Extra-Dimensionen als Voraussetzung. Nach dem Standardmodell reicht die Energie des LHC gar nicht, um schwarze Löcher zu erzeugen. Dafür bräuchte es zusätzliche Raumdimensionen, wie sie manche Theorien vorhersagen. Genau darum ging es auch im Interview.
Der LHC in Zahlen
Der Ring hat einen Umfang von rund 26,7 Kilometern und liegt zwischen 50 und 175 Metern unter der Erde, auf Schweizer und französischem Gebiet. Die supraleitenden Magnete werden auf 1,9 Kelvin gekühlt, das sind etwa minus 271 Grad Celsius. Damit ist es dort kälter als im Weltraum.
Was ist daraus geworden?
Die Erde gibt es noch, das vorweg. Aber auch sonst ist seit 2008 eine Menge passiert:
- 10. September 2008: Die ersten Protonen kreisen durch den Ring.
- 19. September 2008: Eine fehlerhafte elektrische Verbindung zwischen zwei Magneten führt zu einem Lichtbogen. Tonnen von flüssigem Helium entweichen, Dutzende Magnete werden beschädigt. Der LHC steht über ein Jahr still.
- November 2009: Neustart.
- 30. März 2010: Erste Kollisionen bei 7 TeV, damals Weltrekord.
- 4. Juli 2012: Das CERN verkündet die Entdeckung eines neuen Teilchens, das sich als das lange gesuchte Higgs-Boson herausstellt. 2013 gibt es dafür den Physik-Nobelpreis für Peter Higgs und François Englert, die das Teilchen theoretisch vorhergesagt hatten.
- Ab 2022: Im dritten Betriebslauf kollidieren Protonen mit 13,6 TeV.
- 2026: Der LHC geht in eine lange Umbaupause. Er wird zum High-Luminosity-LHC aufgerüstet, der ab etwa 2030 deutlich mehr Kollisionen liefern soll.
Und die Klagen? Das Gericht auf Hawaii wies die Klage im September 2008 ab, weil es sich für nicht zuständig hielt. Eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, angeführt von Rössler, wurde ebenfalls abgewiesen.
Andere Stimmen von damals
Natürlich haben sich 2008 auch viele andere Blogger mit dem Thema beschäftigt. Die meisten Beiträge, die ich damals verlinkt hatte, sind inzwischen aus dem Netz verschwunden, darunter Texte über Verantwortungsbewusstsein beim Restrisiko oder die Hoffnungen, die man ins CERN setzte. Noch online ist der Beitrag im doktorsblog, den ich damals augenzwinkernd mit „Pressekit von CERN?“ verlinkt hatte.
Wie das CERN kurz darauf sogar in Musikvideos auftauchte, steht in CERN wird Rockstar. Und wer sich für die ganz großen Fragen interessiert, findet bei drillingsraum auch ein Interview zur Dunklen Materie, über das ich in Warum ist unsere Welt so, wie sie ist? geschrieben habe. Noch weiter hinaus geht es bei Dark Flow.
Häufige Fragen
Kann der LHC ein schwarzes Loch erzeugen?
Nach dem Standardmodell nein, dafür reicht die Energie nicht. Nur in Theorien mit zusätzlichen Raumdimensionen wären winzige schwarze Löcher denkbar. Diese würden durch Hawking-Strahlung praktisch sofort zerfallen. Gefunden hat man bisher keine.
Ist der LHC noch in Betrieb?
Seit 2026 läuft ein großer Umbau zum High-Luminosity-LHC. Danach soll der Beschleuniger ab etwa 2030 mit deutlich mehr Kollisionen weiterarbeiten.
Was hat der LHC bisher gebracht?
Der größte Erfolg ist der Nachweis des Higgs-Bosons im Jahr 2012. Daneben liefern die Experimente präzise Messungen, die das Standardmodell der Teilchenphysik bisher eindrucksvoll bestätigen, und sie suchen weiter nach Spuren neuer Physik.
Mein Fazit
Das Interview bei drillingsraum war für mich 2008 ein echter Lichtblick zwischen Panikmache und Fachchinesisch. Rückblickend hat die Physik in jedem Punkt recht behalten: keine schwarzen Löcher, dafür das Higgs-Boson. Wenn dich das Thema packt, lies das Interview trotzdem noch einmal, die Fragen sind heute so spannend wie damals.
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